Ein Nachruf auf meinen Mitbruder Patricio Rondeau

Patricio kommt nach Titicachi im Jahr 1990. Er hatte zuvor lange Jahre im Iran gearbeitet, ehe er aus politischen Gründen das Land verlassen musste. Damals hatte er sich sehr für einen chaldäischen Christen eingesetzt, dem Ehebruch mit einer Muslima angelastet und zum Toder verurteilt wurde. Patricio war von der Unschuld des Freundes überzeugt und setzte sich auch international dafür ein, dass das Urteil nicht vollstreckt würde. Man riet ihm dringend, nicht mehr in den Iran zurückzukehren. So entschied er sich, nocheinmal von vorne zu beginnen mit den Quechuas der Anden, bei uns in Titicachi. 1990 war Patricio gerade 47 Jahre alt. Er war schon mit 23 Jahren in die Bruderschaft eingetreten und hatte seine ersten Gelübde 1968 gemacht. Und sehr schnell wurde er vom Prior in den Iran zu den chaldäischen Christen gesandt wo er 17 Jahre lang blieb. Patricio war sehr sprachbegabt und er stürzte sich gleich nach seiner Ankunft in Bolivien mit Elan in das Studium der Sprachen. Er musste erst einmal Spanisch lernen, was ihm als Franzosen nicht allzuschwer viel, aber dann eben quechua, eine völlig unbekannte und neue Sprache. Als Patricio zu uns nach Titicachi kam, waren mehrere Entwicklungshelfer anwesend. in der Krankenstation arbeiteten Maruja Zimmerli und Barbara Hoffmann, bei den Weberinnen war noch Bibiane aus der Schweiz, in Ticamuri lebten im Kurszentrum ein Ehepaar, die Merollis. Unser Mitbruder Franz war sehr mit dem Aufbau der neuen Ordensgemeinschaft der Aymara Schwestern beschäftigt, Max mit dem Aufbau der Schule und des neuen Schulzentrums von Titicachi. Da wurde viel gebaut, diskutiert, geplant und gearbeitet. In diese Situation hinein gelang es Patricio, dass sich das Gemeinschaftsleben der drei Ordensleute vertiefte, so tauschten wir mehr unter uns aus und halfen uns gegenseitig, das Gebetsleben und die Zeiten für die Gemeinschaft aufrechtzu erhalten. Alle drei waren wir zu Priestern geweiht worden in verschiedenen Umständen, Patricio erhielt im Iran für die chaldäischen Christen die Priesterweihe. Im Jahr 1992 ist Patricio schon 2 Jahre in Titicachi, und er hat eine gute Hand mit jungen Leuten. So hat zum erstenmal ein junger Bolivianer, Wilber Cardoso, das Postulat in Titicachi beendet und geht ins Noviziat nach Venezuela. Auch Mario, ein Junge aus Argentinien, hat sich uns als Postulant angeschlossen, aber auf misteriöse Weise verlässt er uns und wir wissen nichts mehr über seinen Verbleib. Patricio kümmert sich neben vielen Dingen auch um den Religionsunterricht in den Schulen im Umkreis. Somit betreut er die Katechisten und lehrt sie die Schulkatechese durch zu führen. Wir sind ja seit 1989 zu einem eigenen Schulzentrum promoviert worden und es gehören zu uns acht Dorfschulen. So haben wir freien Zugang zu den Schulen und Patricio nutzt dies um mit den Katechisten den Religionsunterricht, der ja im Lehrplan bis heute vorgesehen ist, zu gestalten. Nach 3 Jahren ist Patricio schon ein großes Stück in den Sprachen nach vorne gekommen, er beherrscht Spanisch und spricht mit vielen in Quechua. Er selbst unterrichtet in der Grundschule in Titicachi, aber dann auch in der neu entstehenden Oberschule. Aus seinen Katechesen, die immer sehr gut vorbereitet sind, entstehen „Folletos“, also Broschüren mit Texten und Zeichnungen, und oft sind die Texte in Quechua geschrieben. Die Zeichnungen kann er selbst herstellen, aber er lässt auch begabte Schüler zeichnen und erreicht dadurch originelle Zeichnungen. Patricio besucht auch die Dörfer im Umkreis. Damals gab es noch kein Fernsehen, kaum Radiosender und kein elektrisches Licht. Da waren die Dörfer noch froh, einen Besuch zu erhalten und sie fanden sich auch zum Gottesdienst in relativ großer Zahl ein. Die Schulkatechese haben im Laufe der Jahre ausgebreitet in viele Dörfer, auch in Dörfer der Pfarreien Chuma, Ayata und Aucapata. Denke ich an die Entfernungen und die Schwierigkeiten, Katechisten aufzubauen und in die verlassenen einsamen Dörfer zu senden, war das ein einmaliges Unterfangen.

Die Katechisten kommen zu den Schulungen, sie erhalten je nach Leistung auch einen Lohn, und es dringt wohl etwas wie Modernitäd in die verschiedenen Dörfer, die vorher doch sehr verschlafen und und vergessen dahin vegetierten. Diese Schulkatechese hielt etwa 10 Jahre lang an, wurde dann aber durch politische und wirtschafltiche Faktoren geändert. Auch unsere Katechisten suchten sich rentablere Arbeit , so gingen sie in die Coca-felder oder nahmen Teil an der politischen Entwicklung, oder sie liessen diese Aufgabe ruhen. Wir hatten zwei Fahrzeuge, die immer im Einsatz waren. Patricio verwendete sie nachts für seine Fahrten nach Ayata, wo er mit den Jugendlichen und Kindern ein Katechistenzentrum baute. Den großen Schulsaal malte er mit den Kindern aus. Für die Kinder bzw. Jugendliche war dies eine traumhafte Abwechslung, mit Patricio wie Erwachsene arbeiten zu dürfen und unter seiner Leitung gute Kopien von Vorlagen an die Wand zu malen. Die Kinderbekamen auch immer zu Essen und frischten so die einseitige häusliche Ernährung durch Suppen und Maiskörnern (Mote) auf. Manchmal war die Sache gefährlich, denn nachts, auf einem Pick-Up, hinten offen, Kinder zu transportieren, das fiel sogar den Indianern auf und wurde als gefährlich eingeschätzt. Patricio suchte auch andere Verkehrsmittel. So kaufte er sich einen Esel und nahm sich die gegenüberliegenden Dörfer („los de chimpani“) vor. Etwa 6 Stunden dauert der Fussmarsch nach Conchupata, wo er eine dicke Freundschaft mit Alfonso schloss. Von dort aus besuchte er die anderen Dörfer. Seine Jugendlichen begleiteten ihn in den Ferien, ansonsten war er mit Katechisten unterwegs. Der Esel trug Messkoffer, Aparate, Musikinstrumente und war äusserst nützlich in einer Zone, in der bis heute noch keine gute Strasse gebaut wurde. Dort in „chimpani“ baute Patricio auch neue Dorfkapellen. Aber er musste mit dem Zeitgeist, der dort herrschte umgehen. In Titicachi hatten wir schon ein anderes Entwicklungsstadium erreicht, dort herrschte noch ein kultureller Alkoholismus, der Rythmus der Feste markierte Abschnitte in den denen die Besuche des Paters unerwünscht waren, Versprechen wurden leicht gegeben und dann wiederum vergessen. Wenn Patricio nach einer Woche „Mission“ wieder nach Titicachi kam, (das war damals um 1996), dann meinte er hier eine Stadt anzutreffen im Gegensatz zu den Dörfern die er besucht hatte. Sein zweites Bewegungsmittel, neben dem Esel, war ein Motorrad. Es war eine Suzuki 185ccm. Er fuhr mit diesem Moto sogar von La Paz nach Titicachi, Gott sei Dank ohne Unfall. Die schlechten Strassen und das stundenlange Fahren forderten ihn aufs Äusserste. Seine Jugendgruppe war gut zusammengeschweisst. Sie waren gut in der Schule, denn er war ihr Religionslehrer, aus ihnen sind heute gestandene Männer geworden, mehrere haben studiert und üben auch Berufe aus. Unter ihnen ist auch unser Künstler. Mit dem Motorrad und mit Pickel, Schaufel, Zement, Sand und Steinen bauten die Jugendlichen mehrere Werke, die uns heute noch dienen: Ich zähle auf: die Hauskapelle in unserer Bruderschaft , dann das Zimmer für Postulanten, dann die Stützmauer die unser Haus abstützt und die Strasse begrenzt, dann eine Hütte für Balthazar, einem Obdachlosen, der da zwar nie gewohnt hat, aber die Idee, für einen Obdachlosen zu arbeiten, die war Patricio wichtig. Irgendwann kam ein neues Auto, ein Toyota Landcruiser zu uns, da passten viele hinein, und Patricio hat das genutzt um mit seinen Jugendlichen Ausflüge nach La Paz zu machen, wo er ausprobiert, ob das Auto auch die 200 Stundenkilometer fuhr, die auf dem Tajometer angeschrieben sind. Das tat er beim Besuch der Ruinen von Tiwanaku auf dem Altiplano Boliviens, auf einer Asfaltstrecke. Ein anderes Husarenstück gelang ihm, als ihm bei der langen Abfahrt ins Tal die Bremse versagte, und er gerade noch den ersten Gang hineinbracht. Ich erinnere mich , dass ich ihn geschumpfen habe, denn er dürfe doch nicht Gas geben bei einer 20 Kilometer langen Abfahrt, kein Wunder dass er beim Beschleunigen und Abbremsen in der kommenden Kurve die Bremsen heissglühend werden liess und - Gott seis gedankt – konnte er den ersten Gang reinpressen und noch die „Kurve kriegen“

1994 entsteht die neue Oberschule dank Marisa (dipl Landwirt und ehemalige kl Schwester aus Argentinien) hat sie eine gute Leiterin, und dank Patricio wird in der Oberschule Religion und Filosofie unterrichtet. Und natürlich wird ständig gebaut. Und Patricio übt mit den Jugendlichen fleissig Guitarre, Mandoline, Trommel und Quena.Es waren Zeiten, in denen die Schüler noch gerne und fleissig lernten. Im Jahr 1995 erhält Patricio den Auftrag, sich um 3 junge Leute zu kümmern , die bei uns im Orden eintreten wollten.Es war ein Argentinier, ein Chilene (Miguel) und ein Ecuadorianer (Oswaldo). Es war immer sein Traum, junge Leute ins Ordensleben einzuführen. Das wird er dann später in Cochabamba wiederum praktizieren. Immerhin gehen der Chilene Miguel und Oswaldo ins Noviziat nach Venezuela. Bis 1997 ist Patricio im Einsatz in diesem Umfeld. In der immer mehr heranwachsenden Oberschule , die auch schon Abiturienten in die Welt entlässt. Er selbst ist Pate einer Promotion und sein Foto hängt neben seinen Jugendlichen in der Direktion der Oberschule. Im Jahr 1998 sind wir 5 Brüder in Titicachi und das ist die Zahl, mit der wir uns aufteilen dürfen. Zwei gehen nach Cochabamba, es ist Patricio und Jose Luis und wir bleiben: Franz, Wilber und Max in Titicachi. So verabschieden sich die beiden im Januar 1998 und fahren nach Cochabamba, wo wir oft Gelegenheit haben sie zu besuchen und teilzunehmen an der Entwicklung dieser neuen Fraternitäd.

Es kommen bald einige interessierte Jugendliche, die in unseren Orden eintreten wollten, aber auf die Dauer ist keiner geblieben. Das war sicher eine herbe Erfahrung für Patricio, der sich immer mit sehr viel Einsatz für diese jungen Menschen interessierte. Patricio organisierte sich auf seine Weise die Arbeit, er kaufte die Milch der Bauern von Pinami-Chico auf und produzierte Yogourt. Er war ein kleines Genie, der ein Fachbuch aufmerksam studierte und dann in die Praxis umsetzte. So produzierte er Yogourt, und verkaufte das Produkt selbst im großen ständigen Markt von Cochabamba, der „Cancha“. Zuerst als ambulanter Händler, dann aber bekam er eine Bude angeboten, dort richtete er sich ein, stellte kleine Tische und Hocker hin und beim Verkauf vom Yogourt hatte er Gelegenheit genug, viele Freundschaften zu schliessen und mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Das war seine Art der Verkündigung und auch seine Weise, Seelsorge zu betreiben. Die Leute wussten, dass er Pater war, aber auf sein Bitten nannten sie ihn einfach Patricio. Auch die Ordensschwestern entdeckten sein Charisma und so gab er häufig verschiedenen Schwestergruppen Exerzitien. In der Theologischen Fakultät von Cochbamba gab er alle zwei Jahre einen Kurs über das „Charisma der Insertión“ wo er lange über Charles de Foucauld, unseren Ordensgründer berichten konnte. Patricio war begeistert von „Frere Charles“ und die Begeisterung blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hatte schwere Schmerzen am Rücken, denn er musste oft die schweren Behälter mit Yogourt in einem öffentlichen Verkehrsmittel bis zum Markt transportieren. Er nahm dadurch die Rolle des Armen auf sich, der mit allereinfachsten Mitteln sein Produkt auf den Markt karrt und dort verkauft. Er hat es immer wieder gesagt, dass seine Arbeit mit dem Yogourt die Brüder ernährte. Die Leute haben ihn verstanden. Er hatte sehr viele Bekannte und auch Freunde unter einfachen aber auch Menschen und sogar Behinderten. Er wusste mit allen umzugehen. So half ihm Mario ein dreissigjähriger geistig behinderter Mann, der ihm jeden Samstag vom Bus die Bürde der 20 Kilo Yogourth abnahm und zu seiner Bude trug. Mario ist Vollwaise, lebt auf der Strasse, und war nie in der Schule. Aber er besuchte seit kurzem einen Alfabetisierungskurs . Als er ein paar Buchstaben erlernte, setzte er sich an die Bude und meinte, er wolle das Gelernte mit Patricio teilen, denn so sagte er: „Man muss immer teilen!“ Patricio fragt ihn: „Wer hat dir denn gesagt, dass man teilen muss?“ Mario: „der liebe Gott hat es mir gesagt“, Patricio fragt nach: „Wo hast du denn den lieben Gott gesehen?“ und Mario antwortet: „ich habe ihn nicht gesehen, aber der Liebe Gott ist in mir!“ Patricio bohrt nach: „in welchem Teil deines Körpers ist er?“ worauf Mario auf die Brust klopft und sagt: „Da drinnen ist er!“. Und Patricio hat vielen dieses Erlebnis erzählt und es so zusammengefasst: „Ich habe auf dem Markt meinen Theologie-Professor getroffen.“

Es war schliesslich sein Herz, das ihm Schwierigkeiten bereitete. Auf dem Weg nach Titicachi, drei Wochen vor seinem Tod hatte Patricio auf der Höhe Herzbeschwerden. Aber er unternahm nichts dagegen. So äusserte er sich Stunden vor seinem Tod über eine starke Angina Pectoris, aber er ging nicht zum Arzt und verschied in derselben Nacht, vom 31 Mai (Heimsuchung Mariens) auf den 1. Juni 2016. Seine sterblichen Reste waren 4 Tage lang aufgebahrt in der kleinen Kirche, an der er selbst am meisten gearbeitet hatte, und es kamen ständig Menschen, die von ihm Abschied nahmen. Beeindruckend war auch die Anteilnahme von sehr einfachen, ja armen Menschen, die ihn beweinten. Er wurde von vielen Menschen auf den Friedhof von Quillacollo begleitet und dort fand er seine letzte Ruhestätte mitten im ersten Stock einer gemeinschaftlichen Grabanlage, in einem Nischengrab, zwischen vielen anderen einfachen Menschen. Ich glaube, er ist zufrieden in der Nähe der Leute zu sein, mit denen er die letzten Jahre gelebt und gekämpft hatte. Er ruhe in Frieden!