Ein Bericht aus Mexico

Ich bin für einige Wochen nach Mexico gereist, um bei einer Versammlung von unseren Brüdern teilzunehmen. Zuerst blieb ich ein paar Tage in Mexico, eine befreundete Ordensschwester nahm mich auf, ich wurde gleich in der Nähe der Basilika „Unserer Lieben Frau von Guadalupe“ untergebracht. Da konnte ich jeden Tag hinlaufen, mich im Pilgerstrom einbringen, unter dem Bild der Guadalupe beten, die eine oder andere Hl Messe mitfeiern und durch die Anlagen der Basilika schlendern. Es war für mich eine Erholung und ein Ausspannen. Mein erster Besuch war im Jahr 1995 und ist somit 19 Jahre her. Es wird wohl mein letzter Besuch in Mexico sein, aber den Bezug zur Mutter des Herrn, „la Virgen de Guadalupe“ nehme ich ja überall mit. Ein zweiter Höhepunkt war die Reise nach Monterrey, um im Hochsicherheitsgefängnis den jungen Bolivianer zu besuchen, der nun schon 8 Jahre seiner Strafe absitzt. Wie ich ihn wohl antreffen würde? Schon der Eintritt ins Gefängnis ist beklemmend, bewaffnete Soldaten, dann die Wachen, die alles durchsuchen, und gewisse Dinge dürfen gar nicht erst nach innen mitgenommen werden. Der Vater der bekannten Ordensschwester begleitet mich in allem, auch er wollte nach innen mitgehen, aber wir entscheiden uns , dass er draussen auf mich warten soll: Denn wir müssen unsere Gürtel draussenlassen, aus welchem Grund auch immer, wir können meinen Reisepass nicht nach drinnen nehmen. Aber zuerst einmal muss ich mich ja zu erkennen gehen und das geht nur mit dem Original Reisepass. Ausserdem hat er gleich drei Kreditkarten bei sich und keine darf er mit sich nach innen nehmen. Ich habe eine CD mit Fotos aus Bolivien, die dürfte auch nicht mit. Aber ich probiere mein Glück. Die Gewebe aus Titicachi sind Geschenkartikel und werden bewundert und ich darf sie mitnehmen. Wen ich wohl besuche, werde ich gefragt, und ich sage Namen und Herkunftsland und hoch erfreut vernehme ich , dass die „guardias“, die Wachfrauen meinen Jugendlichen kennen, dass sie sich von ihm haben portraitieren lassen, dass er ein guter junger Mann sei, dass er ständig gut arbeite in der staatlichen Druckerei und sich gut benehme. Dass man unter 6000 Häftlingen sogar persönlich meinen Bekannten kennt, und gut von ihm spricht, dort unter den Guardias, das erfreut mich sehr. So nimmt mich eine der Wachfrauen mit und stellt mich ihrem Chef vor, der nach einigen Fragen dann die Erlaubnis gibt, dass die mitgebrachte CD durchkommt. Man fragt mich gar, wann ich das letzte Mal hier war, von 5 Jahren, und wie teuer der Flug war, ja der kostete eine Stange Geld. All das wird abgewogen, dass ich Ordensmann sei wird nur registriert, aber kein Kommentar dazu, das zählt nicht, denn wir sind in Mexico. Ich werde auf der Männerseite eingelassen, drinnen im Hof drängen sich Jugendliche um mich, die mich nach dem Namen meines Gefangenen fragen. Ich werde mit einem jungen Mann einig, der dann in den verschiedenen Höfen verschwindet und nach dem Bolivianer sucht. Schliesslich führt er mich bis zu seinem Zimmer, aber dort ist er gar nicht, er ist in die Frauenabteilung auf Besuch gegangen, das darf man am Sonntag tun, unter bestimmten Voraussetzungen. So gehe ich also meinem Bolivianer nach und werde auch durchgelassen. Dem Boten gebe ich ein gutes Trinkgeld. Er akzeptiert, aber seinem Gesichtsausdruck entsprechend hätte es auch höher ausfallen können. Ein Wachmann begleitet mit in den Frauentrakt, und führt mich direkt zum jungen Bolivianer.... Der hat dort eine Bekannte besucht, die ihm ein gutes Sonntagsessen zubereitet, da er arbeitet, kann er auch besser essen. Er ist erfreut über meinen Besuch und wir haben stundenlang Zeit, uns zu unterhalten. Um uns herum spielen Kinder, spielen Fussball, balgen sich, aber alles spielt sich ordentlich ab. Viele junge Frauen sind hier, als Gefangene, von ihnen stammen das Dutzend Kinder, das um uns herum spielt. Drüben auf der anderen Seite des Platzes ist ein Vordach, dort haben sie am Sonntagmorgen die Kapelle hergerichtet, ich begrüsse den Geistlichen, der schon die Messe gefeiert hat. Nachher werden einige Frauen mit den Kinder spielen, singen und Katechismus unterricht erteilen. Ich bleibe bei meinem Jungen und kann mich sehr gut über alles unterhalten, vor allem aber kreist sein Gespräch um Bolivien, um seine Rückkehr, um sein Gesuch um Freilassung. Er kann sich nach 8 Jahren Haft auf die Unregelmässigkeiten seines Prozesses berufen und vielleicht erreicht er damit die ersehnte Freiheit. Die Frau, die mit ihm in der staatlichen Druckerei arbeitet, wo auch die Gefangenen arbeiten können, bringt uns Essen und setzt sich mit dazu. Im Gefängnis gibt es gute und intime Freundschaften aber auch die ständige Wachsamkeit, nicht mit anderen Plagegeistern in Zwist zu geraten. Mein Bekannter sagt: Ich habe gelernt, mit verschiedenen Typen zusammen zu leben. Viele sind gefährlich und kaum zu ertragen. Aber unter anderen besteht eine autentische Freundschaft, das gemeinsame Los verbindet. Ich sehe wie die Stunden eilen und es ist pünktlich um 13 Uhr, als ich von beiden auf den Ausgang zugeführt werde, ein letzter Händedruck, eine Umarmung und unsre Lebensgeschichten sind eingprägt in unser Inneres durch das intensive Gespräch , das wir führen durften. Ich wünsche beiden viel Glück für ihre baldige Freilassung und gehe durch die Wachposten, die Kontrollen, die Gitter, den langen Gang hinaus in die Freiheit. Sehr erfüllt und betroffen, von dem was ich erleben durfte. Die beeindruckenden biografischen Notizen nehme ich durch die Kontrollen durch, keiner kann sie mir abnehmen. Draussen steht – ich bin ja pünktlich da, der Vater meiner bekannten Ordensschwester, der mich herzlich empfängt und ausfragt. Auch er ist glücklich, dass wir den Bolivianer so positiv angetroffen haben, er hätte ja auch deprimiert und kaputt sein können. Er erhält ja keine Besuche, denn seine Familie ist weit entfernt... Und er erzählt mir von einem langen Gespräch mit einer Wachfrau, die ebenfalls den Bolivianer persönlich kannte und schätzte, und diese Guardia habe wörtlich gesagt: „Was tut der Bolivianer da drinnen, der ist hier fehl am Platz.“ Erfreut über so viele gute Nachrichten verlassen wir den Ort, den ich vielleicht niemals wieder betreten werde, und beginnen die Rückreise nach Mexcio City.

Nun hier bei den Brüdern, wir beginnen bald unsere Versammlung, wir sind etwa im gleichen Alter, wir haben verschiedene Einsatzorte in Nicaragua und Mexico und ich in Bolivien. Es gibt viel zu erzählen. Und viele Erfahrung ist angesammelt und wird in witziger pointierter Weise den anderen präsentiert.... Am 16 Oktober ist mein Rückflug und Bolivien und Titicachi hat mich dann wieder. Zwei neue Weltwärtsfreiwillige sind ja schon dort in Titicachi , Alina und Johannes und beide wurden herzlich aufgenommen an ihren Einsatzorten, im Mosoq Punchay bei den Behinderten und im Uripampa Colegio bei den Jugendlichen.

Fussballspiel in Chuata 1977

(Als Einführung: Ich habe ein Heft gefunden, in dem ein paar Begebenheiten aus dem Jahr 1977 niedergeschrieben sind. Und das gibt mir die Grundlage für diesen Bericht und vielleicht später auch für andere.....)

Am 1. Mai 1977 startet ein Fussballspiel in Chuata, das liegt gleich hinter dem Friedhof, der auf dem Hügel über Luquisani weithin sichtbar ist. Die enge Strasse geht ja nur bis Luquisani (1977), wir nehmen den Pfad der hinter dem Friedhof den Weg abkürzt. Wir kommen an die Schule, ein einfaches Gebäude, mit Wellblech gedeckt, das aber schon oxydiert ist und seine Farbe von hellgrau zu dunkelrot gewechselt hat. Ein älterer Lehrer ist dort, da aber ein arbeitsfreier 1. Mai gefeiert wird, sind keine Schüler in der Schule, sondern alle Kinder hüten die Schafe, Schweine und ein oder zwei Kühe. Es sind die erwachsenen Männer, die heute spielen, die Kinder können allenfalls beim Schafehüten zuschauen. Ich lasse mich ein wenig trainieren, bleibe im Tor, um nicht auf dem Feld mitspielen zu müssen und etwa verletzt zu werden. Da ich beim F.C. Eibelstadt in der Jugendmannschaft im Tor war, durchschaue ich schnell die Vorhaben der Angreifer und wehre ständig erfolgreich ab. Damals war ich ja nur 34 Jahre alt. Die Leute vom Ort, die uns beobachten, werden sich schnell einig, dass ein Ausländer nicht mitspielen darf und so werde ich versetzt. Ich darf also nicht spielen. Aber Schiedsrichter soll ich sein. Ich bin einverstanden. Die Spieler entscheiden sich für eine Seite. Da der Platz sehr schräg angelegt ist, hat man natürlich großen Vorteil, wenn man bergab spielt, und der da bergauf zu spielen hat, ist im Nachteil. Natürlich wird nach 30 Minuten gewechselt. Ehe ich das Spiel anpfeifen kann, beobachte ich, wie die beiden Mannschaften sich im gegnerischen Tor zu schaffen machen, sie breiten Kokablätter auf einem Tuch aus, sie gehen in die Hocke, nehmen ein paar Kokablätter zusammen und legen sie dann aufs Tuch zurück. Pedro, Sohn eines Schamanen, der Anführer der Mannschaft ist, vergäbt das dann an einem der Torpfosten, und erklärt mir auf meine Frage, was das soll, das sei dafür, dass viele Tore fallen. Die Mutter Erde werde mithelfen, dass meine Mannschaft gewinnt. Ich bin beeindruckt, Fussballspielen in den Anden ist etwas besonderes, und entspricht nicht unbedingt den Regeln der FIFA. Ich darf anpfeifen, schaue genau auf die Uhr und lasse das Spiel laufen, Titicachi spielt bergabwärts und gewinnt bis zur Halbzeit 4:0. Ein hoher Sieg, dank auch des Geländes, das sehr schräg ist. Nun in der zweiten Halbzeit, wiederum machen sich die Mannschaften am gegnerischen Tor zu schaffen und bringen Koka der Mutter Erde dar, damit das Ergebnis noch vorteilhaft ausfällt.

Aber jetzt in der Halbzeit wird viel getrunken. Der Schnaps wird von den Einheimischen spendiert, und ist durchaus erlaubt nach hiesiger Fussballkultur. Die heimliche Absicht dahinter ist, dass es die Kampfkraft der Gäste aus Titicachi schwächt. Auf vielerlei Weise will man versuchen, den Sieg davon zutragen. Somit ist auch das Fussballspiel nicht ohne Alkoholgenuss denkbar. Alkohol ist hier 90 prozentig reiner medizinischer Alkohol, der aber in Bolivien rundum im ganzen Land verkauft und konsumiert wird. Er ist relativ billig und hochwirksam, denn er versetzt sehr schnell in den Rauschzustand.

Und jetzt muss Titicachi bergauf spielen und oft verteidigen, und das tun sie gut, sie haben doch einen jungen Spieler angetroffen, der sich einigermassen gut schlägt im Tor. Nur ein Gegentreffer wird hingenommen, und das Spiel endet regulär mit 4: 1 für Titicachi. Das passt nun den Gastgebern gar nicht, sie kommen und bitten um eine Verlängerung. Auch die Titicachis wollen noch weiterspielen, und so wird noch eine halbe Stunde zugelegt, ohne zu wechseln, aber trotz Vorteil können die Gastgeben kein weiteres Tor schiessen. Die Kraft der Mannschaft lässt nach, die angetrunkenen Spieler werden ausgewechselt, und so hält Titicachi das Resultat bis ans Ende: 4: 1 für Titicachi, so endet das Spiel. Nun hat man doch – verteilt auf 3 Einheiten, die 90 regulären Minuten durchgespielt. Mittlerweile haben sich Frauen draussen am Rande des Fussballpaltzes eingefunden, sie setzen sich auf die Wiese am Rande des Spielfelds, und manchmal kommt der Ball ganz gefährlich unter die Frauen, die ja auch ihre Kleinkinder mitgebracht haben. Auch die Luftschläge, bedingt durch Unebenheit des Platzes und durch die Erschöpfung der Spieler, nehmen zu. Es ist gut, dass nun auch diese dritte Zeit zu Ende geht und ich abpfeifen kann. Nun treten die Frauen in Aktion, die Spieler setzen sich getrennt nach Mannschaft und Dorf und erhalten von den Frauen Teller voller guter Suppe. Die Frauen hatten die Suppe im Kochtopf mitgebracht, schwarze irdene Kochtöpfe voller Suppen, auf Holzfeuer gekocht, und nun teilen sie an alle Spieler die Suppenteller aus und auch ich erhalte nach dem ersten Teller auch noch einen zweiten, einen dritten und beim vierten höre ich auf. Aber andere schaffen es bis zum sechsten Teller Suppe. Die Frauen sind sowohl neugierig, als auch ängstlich, was den Kontakt zu mir betrifft. Wir sind an die 80 Leute die hier auf der Spielwiese sitzen und essen, denn auch die Frauen und deren Kinder erhalten ihre Suppenteller und so dauert das Mahl über eine Stunde. Wir assen alle und wurden satt und es blieb noch manches übrig. Und dann beginnt auch die Trinkerei. Es gibt nur wenig Chicha, dafür aber viel Schnaps. Viele Spieler waren schon unter dem Spiel angetrunken. Jetzt verlieren sie schnell die Kontrolle über sich. Auch einige Frauen trinken und wird der Stimmenpegel immer höher. Als Revanche für das gute Essen nahmen nun einige der Titicachileute ihre Pinkillos, (dh Flöten) – aus der Chuspa, (Umhängetasche). Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder, das habe ich früher in der Grundschule gelernt, aber hier wurde ja gar nicht gesungen, nur Trommel und Flötenspiel sind zu hören. Dazu wird fest getrunken Es war nicht das erste Mal, dass ich an einem Trinkgelage teilnehme. Ich werde eingeladen zu bleiben und merke, dass auch bei mir der Alkohol schon Wirkungen zeigt und suche nur nach einer Möglichkeit , Abschied zu nehmen. Als es dunkler wird, setze ich mich ab, aber ich werde bemerkt, und mehrere Männer, schon angetrunken, laufen mir nach, als sie mich erreichen und mich dann auch erkennen, lassen sie von mir ab. Schliesslich bin ich ja doch ein Fremder und einer der anders lebt als sie. Ich treffe Domingo, einen Jungen, der ebenfalls nach Hause will. Er hat die neue Fahnenstange, die das Banner des Fussballvereins Titicachi trägt, mit dabei, und erklärt mir, dass er diese Fahnenstange retten muss, man könnte sie ihm sonst im Rausch stehlen. Er sagt mir, dass er mit mir nach Titicachi laufe, und einmal die Fahnenstange in Sicherheit, würde er nachts wieder zurücklaufen, schliesslich sei hier ja ein Fest, und das wolle er nicht versäumen. Gleich oben am Weg, in Sichtweite der Fussballwiese, aber doch weit genug entfernt vom Fest, stehen einige Titicachi Frauen. Sie haben die Aufgabe, auf ihre Männer aufzupassen und sie nach Hause zu bringen. Oft stören sie dabei ihren Mann, wenn sie ihn drängen, das Fest zu verlassen, und nach Hause zu kommen, und in manchen Fällen gibt es Prügel. Aber es ist ihre Aufgabe, die Arbeitskraft ihres Mannes zu bewahren und gerade in den Festen den Mann zu begleiten, dass ihm nichts passiert. Sie müssen ihn bis nach Hause bringen, und Titicachi liegt über eine Fusstunde entfernt. Erst wenn sie ihn zu Hause ins Bett gebracht haben, ist ihre Aufgabe erledigt. Noch andere Frauen begegnen uns, sie fragen Domingo aus nach dem Zustand ihres Mannes und gehen besorgt weiter, ihre schwierige Aufgabe zu erfüllen. Domingo klärt mich auf, dass viele in Chuata schlafen würden, zur Not auf dem Sportplatz, manche aber würden nach Mitternacht den Heimweg antreten, denn diese Nacht sei ja Vollmond und da könne man problemlos auch in der Nacht laufen.

In Eibelstadt trank man ja auch nach dem Fussballspiel, und sogar in der Jugendmannschaft. Wenn man gewonnen hatte, wurde der Sieg begossen, hatte man verloren, gab es zum Trost etwas, jedenfalls kehrten auch wir damals in das Lokal der Fussballer ein und bei manchen kam die Heimkehr auch erst bei Vollmond. Dennoch: andere Länder, andere Sitten.