WENN ICH ERZÄHLEN DARF....

Ich will einfach erzählen, und das so beschreiben, wie ich nur kann, mich einfliessen lassen in die Geschichten, die um mich herum passieren und auch meine Suche, meine Hilflosigkeit, aber auch mein Erstaunen an dem, was da doch um mich herum passiert, all das will ich erzählen. (Namen sind zTeil geändert!)

Am Dienstag sassen wir ab 18.00 Uhr in dem verrauchten Saal der Leute von Titicachi. Das Haus, jetzt „Sede Social de la Comunidad“ genannt, haben wir ja finanziert, gebaut haben es die Leute. Die Autoridades haben das Personal der Krankenstation eingeladen. Alle sind der Einladung gefolgt. Der Arzt, die Krankenschwestern, Meche und auch ich. Wir warten geduldig bis um 20.30 endlich die Sprache auf die Gesundheit kommt. Da ja jeder reden darf, und sich ausreden darf, dauert alles sehr lange.

FRUST MIT DER KRANKENSTATION
Die Leute haben gewissen Frust mit der Krankenstation. Sie haben mittlerweile viele Rechte bekommen aber sie wissen nicht recht, wie sie sich durchsetzen können. Sie merken,dass der Arzt alles dirigiert, dass er Kranke statt ins allgemeine (und subventionierte) Krankenhaus von La Paz schickt, sie zu privatÄrzten sendet, die seine Freunde sind. Wir – die Pfarrei - haben so lange die Krankentation unterstützt. Der Name und die Erinnerung an Maruja ist immer noch frisch. Aber das interessiert den Arzt recht wenig. Er möchte ungebunden sein und ignoriert unsere Hilfe. Er jammert, dass er so viele Berichte schreiben muss, denn unserer Medikamente wegen kommen halt viele Kranke bis nach Titicachi. Somit ist die Zahl recht hoch, dreimal so hoch wie in anderen Zentren. Wir sitzen lange zusammen in dieser Versammlung. Um sechs beginnt sie und erst um acht Uhr kommt das Thema Gesundheit dran. Ich verstehe fast alle Beiträge, seien sie in spanisch oder in quechua, da ich nun mit meinem Lebensalter auch Schwierigkeiten mit dem Hören habe, muss ich doppelt aufpassen. Da gibt es Leute, die sehr gut und verständlich reden. Meist ist das gekoppelt mit dem Interesse, dass man einen versteht, dass ihre Meinung ins Gewicht fällt. Dann gibt es andere, die „maulen“ und sprechen einen Kauderwelsch, das heißt sie kauen beim sprechen und die Vokale kommen irgendwie aus ihrem Mund hervor, ich verstehe sie kaum, aber sie sind Leute von wenig Gewicht und ihre Meinung wurde wohl schon von anderen gesagt. Koka liegt auf dem Tisch aus, der Kuraka Kantonal, Esteban Yujra, ein Lehrer, den wir gefördert haben zu seiner Zeit, zeigt seine politischen Ambitionen. Er füllt seinen Job als Autoridad ausgezeichnet aus, so dass man ihm schon vorgeworfen hat, er vernachlässige seine Arbeit als Lehrer, aber das sollte bei 14 Kindern, die er hat, wohl noch auszugleichen sein. Wichtiger ist das, was er nun für diesen Flecken Boliviens tut, und da tut sich allerhand. Neben dem Arzt, der gegen unser Dasein und Mitarbeiten in der Krankenstation ist, gibt es auch noch den Felix Mamani, der zZeit Stadtrat ist. Sein Job wird anständig bezahlt, er kommt leicht auf 600 US – das ist ein sehr guter Gehalt, vor allem fürs Land. Und er mag uns nicht, weil er meint, wir hätten viel Geld und würden uns daran bedienen. Er dringt darauf, dass wir unbedingt unsere Einnahmen veröffentlichen müssen, vom Staat eine Steuernummer erhalten, und dann könnten wir auch unseren Vertrag – unser „Convenio“ erneuern und mitbestimmen in der Krankenstation. Felix spricht zweimal sehr ausgiebig, ich sitze gleich neben ihm und ich ahne was er sagt, aber ich verstehe nichts. Er spricht schnell, pronunziert sehr leicht und sein Redestrom dringt aus seinem Mund und wird wohl von sehr wenigen entziffert. Hauptsache er spricht 20 Minuten am Stück, dann ist er geachtet. Verstehen braucht man ihn ja nicht. Er ist ja Politiker und als solcher deuted er nur an und das ist genug – da ich im Voraus seine Meinung kenne, kümmere ich mich nicht darum, dass ich kaum etwas verstehe. Obwohl ich aufmerksam seine Lippen verfolge, es ist nutzlos. Auf dem Tisch werden neue Kokablätter ausgebreitet. Sie fallen aus einem schwarzen Plastiksack und der Haufen grünlicher Blätter wird von flinken Händen auf dem Tisch ausgebreitet, der Jilacata Esteban, lädt alle ein, sich zu bedienen. Und der Aufforderung folgen viele. Unter denen, die andauernd kauen ist mein Juanito, so nennen wir ihn alle, er ist mein Fahrer, Mechaniker und ansonsten repariert er alles... Er ist liebevoll, aufmerksam, wird von allen geschätzt, aber nun entdecke ich sein Laster: er kaut Koka den ganzen Abend durch. Er ist Teil der Junta, die Titicachi dieses Jahr leitet und so sitzt er vorne am Tisch. Aber jetzt fällt mir auf, dass er nur dort vorne, neben den anderen Autoridades sitzt, weil er es ganz leicht hat aufzustehen und mit einem halben Schritt ist er am Kokatisch und mit der Hand langt er zu, jede halbe Stunde tut er das und kaut ununterbrochen. Mein jahrelanger Mitarbeiter, wo geht bei ihm die Reise hin?? Was habe ich da zu tun, dass er vernünftiger lebt? Jetzt steht der Arzt auf – alle anderen (außer Mercedes, unserer Mitarbeiterin in der Krankenstation und ich selbst) haben schon gesprochen, also spricht der Arzt. Er hat Papiere in der Hand, er steht aufragend da und beginnt seinen Vortrag. Man versteht ihn sehr gut, er entwickelt die Strategien, die ihm die Gesundheitsbehörde als Arzt hier in dieser Krankenstation abverlangt und weist alle Vorwürfe zurück. Aber nicht direkt und von Anfang an, sondern er entwickelt seinen Diskurs sehr langsam und geht Schritt für Schritt vor. Da er sich ständig auf obere Instanzen beruft, wird jedem klar dass er nur so handeln kann und nur so gehandelt hat. Er hat keinen Vorwurf verdient, nur beklagt er sich über die viele Arbeit, während andere Krankenstationen nur sehr wenige Kranke haben, ist in Titicachi ständig Betrieb und es kommen auch sehr viele Leute von weit her. Warum wohl? Fragt sich der Arzt und da hacke ich ein. Ich meine, mindestens 40 Minuten stumm zugehört zu haben, aber seit Beginn seines Vortrags wurmt mich die eine Tatsache: Er hat alle begrüsst, fast jeden einzelnen der Autoridades, und hat niemand vergessen, ausser mich und Mercedes. Dabei sitzen wir vor ihm, er kann mich gar nicht übersehen, genausowenig wie er Mercedes übersehen kann. Also ist das Taktik. Die Pfarrei hat nichts mit der Krankenstation zu tun, das Convenio ist ausgelaufen, die Hilfe ist inexistent. Das ist seine Meinung, die ich aber nicht teile. Ich falle ihm also ins Wort und will seinen Vortrag unterbrechen: Warum wohl sage ich, ist in Ayata nichts los, und in Titicachi so viel? Doch weil wir hier das Convenio weiterführen und weil die Farmacia voller Medikamente ist. Ohne Medikamente können die Kranken wohl nicht kuriert werden, deshalb kommen sie zu uns. Der Arzt hat nicht zugehört, er hat weitergeredet und redet weiter. Ich finde das eine Herausforderung und setze hinzu, dass ich ums Wort bitte, um einiges klarzustellen. Der Arzt sagt –auf meinen Einwand eingehend: Das Convenio ist erloschen, es existiert nicht seit 2011 nicht mehr – Sein Redeschwall wird spärlicher und irgendwie habe ich ihn doch aus der Reihe gebracht. Jetzt steht der Krankenpfleger auf, ich habe mich zu Wort gemeldet , werde aber erst nach dem Krankenpfleger drankommen. Der ist kürzer, präziser und erklärt, dass seine ständige Abwesenheit darauf zurückzuführen ist, dass er jetzt als Administrator für den ganzen Distrikt eingesetzt wird und sich eben hierhin und dorthin begeben müsse. Er hat Frau und zwei Kinder hier in den Wohnungen in der Krankenstation und ist also oft fort, das ist ihm unangenehm. Am liebsten würde er die Stelle wechseln, um gleich in Chuma, der Provinzhauptstadt zu sein und dort die Arbeit zu erledigen. Danach komme ich an die Reihe und behaupte, dass das Convenio immer weitergelaufen sei, dass wir immer die Medikamente eingekauft haben, dass wir immer die jährliche Summe von 10.000 Us Dollar eingeben, damit die Krankenstation gut ausgestattet sei. Ausserdem haben wir immer wieder Leute in der CASA CAMPESINA in La Paz betreut und in schwierigen Situationen weitergeholfen. Ich füge hinzu: „Wenn ich in die Krankenstation gehe, dann gehe ich nicht in ein fremdes Gebäude, die Krankenstation haben wir selbst gebaut, der Bauplatz wurde von der Pfarrei gekauft, Maruja hat dort 25 Jahre lang gearbeitet als Krankenschwester und so vielen geholfen. Wenn ein Arzt das ignoriert, kann ich mich nur wundern und bin betroffen. Aber vielleicht könnten wir hier unter uns, die Autoridades und die Pfarrei, sich einigen. Wir könnten unter uns das Convenio erneuern, und von unten beginnen. Wir könnten von seiten der Pfarrei die Ausgaben, die wir in der Krankenstation haben, veröffentlichen und wir selbst brauchen ja gar nicht das Personal kontrollieren, das tun ja mittlerweile die Gemeinde und ihre Autoridades, und mit denen brauchen wir ja nur zusammenzuarbeiten. Somit schlage ich vor, wir setzen uns die kommende Woche zusammen und erarbeiten ein neues Convenio, das zwischen den Autoridades der Gemeinde und der Pfarrei erstellt wird. Wir brauchen bei dieser Versammlung keine Delegation des Personals der Krankenstation, wir erarbeiten das unter uns.“ Es ist spät in der Nacht. Der Vorschlag wird angenommen, Mercedes nimmt ebenfalls das Wort und meint, dass wir hier, die Gemeinde Titicachi mit ihren Leitern und die Pfarrei in Übereinstimmung sind, denn wir beide wollen eine gute Betreuung der Kranken. Und von da an können wir unser Anliegen nach oben weiterleiten und sehen, wie wir das Convenio mit der Gesundheitsbehörde erneuern können. Und dort werden wir uns mit einem Vertrag einigen, der uns erlaubt, wieder in der Krankenstation anerkannt sein. Bislang war dort ja Mercedes nur das Aschenputtel, das die Arbeit tat und die Farmacie immer voll aufgefüllt hatte, aber sichtlich immer ignoriert wurde. Wir einigen uns auf das neue Treffen, am kommenden Dienstag um dieselbe Zeit. Und dann ist es Mitternacht vorbei, die Leute, die eifrig Kokablätter gekaut haben sind hellwach und halten es noch aus, ich aber muss ins Bett und verabschiede mich von den Verantwortlichen mit Handschlag und mit einem Gruss von den anderen, ich freue mich darauf, ins warme Bett zu kommen, Im kalten Versammlungsraum bin ich langsam wie ausgekühlt. Wir sind ja mitten im südlichen Winter und nachts ist es draussen schon bitter kalt.

FRONLEICHNAM IN AYATA
Fronleichnam Ayata, die Prozession ist sehr bescheiden, eher bedauernswert, die Leute gehen da gar nicht mit, die Kirche ist sichtlich unwichtig geworden. Wir sind mehrere Deutsche, aber es ist sehr kalt, kein Touristenwetter, und der Tanz – ein einziges Dorf tanzt - ist bald beobachtet und eher langweilig, Die Leute tanzen „Waca Waca“ mit einer traurigen Flötenmelodie. Ich nehme mir Zeit für den Freund Franz J. und seinem Familienproblem. Franz ist so alt wie ich, ist Lehrer und Direktor gewesen, hat die Tochter einer Deutschen geheiratet, die ihre rheinische Abstammung wie einen Adelstitel trägt, aber es ist auch etwas gediegenes und ehrliches an ihr, das sie von vielen anderen Frauen des Städtchens wohltuend unterscheidet. Nun ist da ein riesiges Problem entstanden. Franz erzählt von den Mauern seines Hauses, hier in Ayata. Das sei durch irgenwelche Abwässer rissig geworden, und vor allem die Mansarde seines Hauses sei schief gestanden. Er habe einen Maurer geholt, der erschrocken sein Haus besichtigte. Da musste sofort etwas geschehen, wir müssen die Mauern abstützen, sonst fällt die Mauer über Nacht ein. Unausdenkbar. Das war die Meinung jenes Maurers. So habe Franz mitgeholfen, die Mauer zu stützen, und dann sei er nachts mit Taschenlamge heimlich auf den Dachboden gegangen, wo er die Wertgegenstände der Marienfigur aufbewahrt habe, in einem Versteck, das nur er allein kannte. Die hochgeschätzte Statue Marias erhält ab und zu ein Geschenk , wie zB einen goldenen Ring oder eine kostbare Halskette. Und das muss Franz, der ja die „Schätze“ des Tempels bei sich aufbewahrt, an einem sicheren Ort verstecken. Franz erhielt vom verausgehenden Verantwortlichen goldene Ringe und eine große Kette und bewahrte sie dort im Dachboden auf. Niemand wusste davon. Nun, da das Haus einfallgefährdet war, nahm er die kostbaren Gegenstände zu sich. Bald begann er eine Reise nach La Paz und brachte die Wertgegenstände in seinem Haus in La Paz in Sicherheit. Er tat sie in sein Zimmer, in seinen Schrank und dort waren sie in einem unansehnlichen Schächtelchen eingewickelt in ein Taschentuch, seiner Meinung waren sie dort sicher. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass seine Enkelinnen 18 bzw 19 Jahre alt geworden waren, und gerne etwas vom Leben haben wollten. Und dazu braucht man Geld. Sie surften im Inernet, schrieben im Facebook und für alles braucht man auch Geld. Kaum war de Opa aus dem Haus, durchsuchten sie sein Zimmer und natürlich fanden sie auch dieses Schächtelchen mit den Ringen Unserer Lieben Frau von A. Und sie bedienten sich. Die Kleinere war in A. aufgewachsen, ihre Mutter, eine sehr hübsche Frau, hatte sich scheiden lassen und erzog alleine, Sie hatte es nocheinmal mit einem anderen Mann versucht, und das ging ebenfalls schief. Oft suchte diese Mutter Trost beim Trinken und das war auf dem Land ja nicht zu vermeiden, immer gab es ein Festchen und es fehlte nie an Bier und Alkohol. Die Geschichte beginnt sich zu entwickeln, die beiden hübschen Jugendlichen entwendeten die goldenen Ringe und die Kette und verhökerten sie. Und zogen aus dem Haus. Und waren schon auf Urlaub in einem Andenstädtchen. Woher wusste der Opa , wo seine Enkellinnen ihren Urlaub auf Kosten der Ringe Unserer Lieben Frau verbrachten? Über Facebook! Aus Chile rief ein Neffe an, der im Facebook die beiden verfolgte und ihre Nachricht an die Freunde dort las: da stand geschrieben: „Es geht uns gut, wir sind in einem tropischen Städtchen, es ist hübsch warm und wir trinken Bier und machen Urlaub.“ Achtzehn und neunzehn musste man sein, um das alles frohen Herzens geniessen zu können.

Nun , Franz war verzweifelt. Er hatte vor, das gestohlene Diebesgut aus eigener Tasche zu ersetzen. Er wollte nicht zur Polizei. Die sei ja weder Freund noch Helfer, sondern suche aus allen schiefen Fällen Profit für sich selbst zu schlagen. Unmöglich, dort eine Anzeige zu machen. Ausserdem, wenn er zur Polizei ginge, dann würde sofort seine Familie bloßgestellt, er muss ja dann äussern, wem er hinter diesem Diebstahl vermutet. Seine eigene Familie wird dann total geschädigt. Was tun? Ich hatte schon Angst, er würde mich um einen Vorschuss anpumpen, aber das tat er dann doch nicht. Irgendwie bekamen wir die Kurve in dem zweistündigen Gespräch, und schlugen vor, einen alten treugedienten Sakristan der Kirche zu fragen, wie hoch er diese Ringe einschätze. Welchen Wert würde er dem gestohlenen Gut geben? Und die anderen Bürger würden diesen Schätzwert schon akzeptieren. Die Gefahr, dass dann der Diebstahl, der bislang nur innerhalb der Familie besprochen wurde, ans Tageslicht käme, liess sich wohl auf die Dauer nicht verheimlichen. Franz selbst schätzte den Verlust auf 2000,- US Dollar, eine für seine Einkünfte sehr hohe Summe. Zwischendrin erklärt Franz, er gehe jetzt morgen zur Polizei und zeige diesen Diebstahl an, er lasse sich das von seinen Enkeln nicht gefallen, er habe es satt, er schlafe seid drei Wochen nicht mehr und ehe er selbst durchdrehe, gehe er eben zur Polizei und mache Anzeige. Ich versuche ihn nochmals zu beraten. Wenn er zur Polizei geht, dann ist seine Familie mit belastet und das sollte er sich halt doch noch überlegen. Diese Jugendlichen sind leichtsinnig, aber nun gleich vor den Richter gestellt zu werden, das müsse er sich noch überlegen. Da bricht ja seine ganze Familie auseiander und die ist wohl mehr wert als 2000,- US Dollar. Vielleicht sollte er die Sache cool betrachten, wie einen Autounfall, der 2000,- Us kostet. Ich weiss nicht ob es ihn tröstet: Es ist halt so wie ein Autounfall, sage ich, im ungeeigneten Augenblick passiert er und kostet eine Stange Geld, aber irgendwie wird auch dieser Unfall als Herausforderung akzeptiert, alle Leute wissen davon, sprechen darüber und schliesslich ist der Fall erledigt, nur das Geld muss man halt dann für den entstandenen Schaden aufbringen. Aber das Leben geht weiter. Aber bei Franz waren die Nerven angespannt, der Schlaf verliess ihn, er lag nächtelang im Bett und grübelte, und hatte große Angst vor dem Gerede der Leute. Wenn Franz nun einmal dem alten Sakristan sein Malheur erzählen könnte, dann würde die Spannung abnehmen, er könnte dann seine Situation rechtfertigen und mit der Reparation beginnen. Und vielleicht nach kurzer Zeit doch wieder einmal in Ruhe schlafen. Und dem alten Sakristan könne er ja erzählen, dass er nicht wisse, wo die Dinge verschwunden sind, wer sie an sich genommen hat, er wisse es beim Himmel nicht und könne also nicht mit Namen dienen, er müsse das einfach als Diebstahl von unbekannt erklären, am Ende werfe man halt die Schuld auf ihn selbst, aber da er ja bezahlen werde, geht die ganze Angelegenheit dann doch vorüber. Franz überlegt es sich. So gingen wir auseinander. Ich dachte an die bildhübsche und gertenschlanke Enkelin, die da in einem tropischen Städtchien sitzen soll, und ihr Leben, ihr junges Leben geniesst, auf Kosten der schlaflosen Nächte ihrer Großeltern, und ihrer Mutter natürlich auch. Und auch auf Kosten der goldenen Ringe der Marienstatue der Kirche von A. Für viele ist sie die Representation der wirklichen Mutter Jesu, und als solches bedeutete ein Dienstahl an der Marienfigur auch ein Sakrileg gegen die lebendige Mutter des Herrn. Ob das die jungen Mädchen begreifen konnten? Ich glaube nicht. Ist das die postmoderne Welt, ist das die Globalisation? Der Verlust an Respekt vor Dingen, die anderen heilig sind. Ist nun Diebstahl so in die Reichweite gerückt, dass die Konsequenzen nicht beachtet werden? Denken die jungen Dinger nicht an den Schaden, den sie ihrer Familie zufügen? Ich verabschiede mich und bin sehr betroffen. Schönheit, jugendlicher Reiz ohne Ethik, wo endet das einmal?

WARMIY CHINKAPUN - MEINE FRAU IST GEGANGEN
Beginnen will ich die Geschichte mit dem Tod von Francisca. ja mit ihrem Tod, Am Sonntag dem fünfzehnten war sie noch in der Messe, sie war an uns drei herangetreten, die wir die Kommunion austeilten, der Diakon, die Schwester Lucy, die den Kelch hält und ich teilte auf der linken Seite aus, ich sah sie und freute mich, dass sie gekommen war, sie humpelte wie gewohnt nach Empfang nach hinten und das war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah. Wir haben eine gute Messe gefeiert, dann bei kaltem Wetter unseren weiteren Aufgaben erledigt. Habe darüber Francisca vergessen.

Samstag früh,es ist der 14 Juni - ich will gerade eine Fotokopie für den morgigen Tag, den Fronleichnamstag in Titicachi machen, als Javier vor der Tür steht, mit verweintem Gesicht und mir sagt, meine Frau ist gegangen. Das quechua Wort, das er verwendet sagt eigentlich: „sie ist verloren“ aber im Todesfall heisst das dann auch: „sie ist verstorben!“ Ich begreife, und will es aber genauer wissen – sie war doch letzten Sonntag erst noch in der Kirche... Er erzählt mir: dass sie, Francisca Koliken bekommen hatte am Mittwoch morgen, der Arzt habe sie dann schnell überwiesen nach La Paz, ins Krankenhaus, und dort sei sie vor der Operation gestorben. Javier bittet mich, den Glockenturm aufzumachen, denn es musste jetzt geläutet werden. Ich hole de Schlüssel, mache den Turm auf und lasse meine Aufgabe zur Seite. Ich gehe ins Haus der Familie. Es liegt gleich dem Pfarrbüro gegenüber, und da sehe ich betretene Gesichter, einen Sarg auf einem Tisch mitten im Zimmer und ein paar Erwachsene sind da. Ich bete am Sarg, und dann gehe ich umher und begrüsse mit Handschlag die Anwesenden. Die Kinder von Francisca, die ja über 60 geworden war, sind schon da. Zwei Töchter sind aus La Paz mitgekommen. Sie war mit dem Krankenwagen von Titicachi nach La Paz ins Krankenhaus gebracht worden. Dort wollte man sie schnell operieren, aber noch vor der Operation starb sie, sie hatte Krebs in vorgeschrittenem Stadium. Deshalb humpelte sie sehr schwer, hatte dicke, wasserreiche Beine und das war schon die Konsequenz ihrer Krankheit. Der Sohn weint, als er das erzählt. Ich erfahre, dass auch Basilia gekommen war. Basilia S., mein Gott, wie viele lange Jahre muss ich zurückrechnen, um dort anzukommen, wo die Plaza von Titicachi noch gar nicht existierte, es sei denn man nenne ein Geviert mit drei Häusern schon eine Plaza. Ja , so erzählt Basilia, sie habe Maruja gekannt, auch den P Max, und sie sei hier auf der Plaza im kleinen Häuschen von Javier neben ihrer Mutter aufgewachsen. Ich sehe sie an, sie ist eine hochgewachsene Frau aus der Stadt, ihre 18-jährige Tochter sitzt neben ihr, eingehüllt in eine Decke und geschützt unter einer Haube aus Wolle, um der Kälte zu wehren. Es ist kalt im Raum, wir sind im Erdgeschoss des neuen Hauses, das da vom Sohn gebaut wird, und da zieht es kräftig durch – das verwischt den Leichengeruch, der schon aus dem Sarg dringt. Ich setze mich neben Basilia, sie war damals als kleines Mädchen bei den Anfängen der Bruderschaft in Titicachi dabei, sie kann davon einiges erzählen. Bald fasst sie Vertrauen und erzählt ihr eigenes Schicksal. Denn nur kurz waren wir gleichzeitig dort in Titicachi, nur kurz die Freundschaft mit Maruja, die immer frisches Gras für Hasen und Hühner brauchte und dafür den Kindern, als Lohn warme und gutschmeckende Pfannkuchen austeilte. Nicht lange dauerte diese glückliche Zeit der Kindheit. Eines Tages sagte ihre Mutter zu ihr, sie müsse gehen, denn sie werde mit einem anderen Mann zusammenwohnen, und der wolle sie nicht. Der eigene Vater, der auch im Dorf mit einer anderen Frau wohnte, den brauchte sie gar nicht aufzusuchen, denn der werde sich nicht um sie kümmern, er sei auch garstig und böse. Aber mit dem neuen Mann geht es auch nicht, sie muss eben nach La Paz und dort bei einer bekannten Familie ihr Leben neu beginnen. In der Stadt – schon damals fuhren die Leute mit einem Kleinlastwagen in die Stadt, die Fahrt dauerte damals wohl Tag und Nacht und war äusserst ermüdend, in der Stadt habe man ein Ehepaar gefunden, das sie wohl aufnehmen würde...

Basilia erzählt ihr Schicksal..
Ich höre aufmerksam zu, auch ihre Tochter tut es , aber versteckt ihr Gesicht unter der Wollenen Haube, um der Kälte zu trotzen, aber auch um ihre Emotionen zu verbergen. Sie, Basilia wurde also in die Stadt gebracht zu diesen Leuten. Vielleicht war sie damals sieben Jahre alt. Dieses Ehepaar begann gerade ein Restaurant und da gab es halt viel zu arbeiten. Sie war aber noch sehr klein. Und zu essen gab es sehr wenig. Da sie in einem Haus mit zwei oder drei Etagen waren, kamen Leute hinein in die Treppe und gingen nach oben, eine Frau fragte sie, die Kleine, im Vorbeigehen, ob sie gegessen habe, ob sie Hunger habe und da sagte sie der Wahrheit entsprechen, sie habe Hunger. Und man gab ihr zwei Brote, eine Delikatesse für ein Indiomädchen. Als die Chefin dies bemerkte, wurde sie zornig, holte ihren Mann, und der schrie sie an und bestrafte sie. Sie hätte nicht sagen dürfen, dass sie Hunger habe, und so wurde sie an den Beinen geschlagen, mit einem Kabel, das tat sehr sehr weh, sie muss geweint haben. Einige Tage danach, machte sie wiederum einen Fehler, und da ging die Frau wiederum zu ihrem Mann, um die Kleine wiederum bestrafen zu lassen. Das ertrug sie nicht mehr, sie lief einfach davon, ihre paar Sachen hatte sie gleich beeinander und so lief sie davon, immer in Richtung Norden, dort aufs Altiplano, wo sie der Lastwagen hergebracht hatte vor einem Monat. Sie lief und lief und wurde nicht mehr eingeholt. Aber bald hatte sie Hunger und der Weg war ja unendlich weit. Da traf sie auf dem Land eine Familie, die gerade Kartoffel geerntet hatte, und ausruhte, und dabei ihre gekochten Kartoffel und Bohnen ausgebreitet hatte. Die Leute hatten Mitleid mit der Kleinen, fragten, wohin sie wolle und sie sagte auf quechua, dass sie nach Titicachi wolle. Keiner kannte Titicachi, sie hatten den Namen nie gehört, sie durfte aber mitessen und auch das, was sie wollte einpacken und als Proviant mitnehmen. Irgendwo schlief sie draussen auf dem kalten Altiplano, in einem Dorf. Basilia hat Tränen in den Augen, denn während sie erzählt, tauchen von neuem die Bilder und die Emotionen auf, mit denen sie damals auf dem Altiplano Richtung Titicachi lief, das unendlich weit entfernt war, und das sie nie erreichte. Am Tag darauf traf sie ein Mann, der einen Lastwagen fuhr, Der hielt an und nahm sie mit. Die Familie, in die sie gebracht wurde, war bereit, sie endgültig aufzunehmen, aber da gab es Leute im Dorf, die das für ungesetzlich hielten, und dem Mann rieten: Bringe sie zur Polizei, es kann ja sein, dass du einmal Schwierigkeiten bekommst. So wurde sie von dem Fahrer, auf seiner nächsten Fahrt nach La Paz mitgenommen und bei der Polizei abgeliefert. Die wiederum nahm sie auf, brachte sie in ein Auffanglager für Kinder und da waren sie an die 20, die diesen Tag zusammen gekommen waren. Sie selbst war intelligent und fiel einer Polizistin auf. Die fragte sie auf quechua, ob sie bei ihr für immer bleiben wolle. Basilia bejahte. Da sagte die Frau zu ihr: wenn du wirklich willst, dann nehme ich dich jetzt mit in mein Haus, dort bleibst du nur diesen Tag alleine, danach kümmere ich mich besser um dich. Unter Mitwissen der anderen Polizistinnen, nahm die Frau das Kleine mit, brachte es mit einem Taxi nach Hause und lies es alleine in der Wohnung. Dann kehrte sie schnell an die Arbeit zurück und kurz darauf kamen ein Bus, der die 20 Kinder mitnahm in ein staatliches Heim. Von dort wäre sie nicht mehr weggekommen. Nun war sie bei diesen Pflegeeltern, denen sie sehr dankbar ist. Die haben sie großgebracht, haben sie in die Schule geschickt, haben dafür gesorgt, dass sie Abitur machte und somit ein Stadtmädchen wurde. So ist sie auch, hochgewachsen, schlank, aber ihr Gesicht doch unglücklich und besorgt. Man gab ihr einen anderen Namen, statt Basilia nannte man sie Juana, aber man beliess ihr ihren Nachnamen, den der eigenen Mutter. Nun ist sie da, bei dem Leichnam der Mutter, die sie damals mit 7 Jahren ins Leben geschickt hatte. Sie zeigt mir ihre Kennkarte, in Bolivien unter den Indianern keine Seltenheit, wenn man einmal das Vertrauen erlangt hat. Ich verspreche ihr, nach ihrem Taufzeugnis zu suchen, um festzustellen, ob sie das genaue Geburtsdatum hat. Und so lassen wir für eine halbe Stunde den kalten Raum, in dem ihre Mutter aufgebahrt ist. Ich finde sehr schnell ihr Taufzeugnis, sie wurde mit dem Namen ihres Vaters getauft, aber glücklicherweise ist das Geburtsdatum exakt, wahrscheinlich hat irgendjemand nachgefragt, bevor sie ihre Geburtsurkunde erstellten. Ich biete ihr an, für die zwei Nächte, die sie in Titicachi verbringen wird, bei uns zu wohnen , ich habe ihr das Haus gezeigt, unsere Küche, ein leerstehendes Zimmer, Dusche und WC, sie nahm das Angebot dankend an, aber dann verlief der Abend doch anders. Wir machten noch ein Foto, das wir Maruja senden wollten, Maruja, die ja immer noch in vielen persönlichen Geschichten erwähnt wird.
Die Beerdigung
Ich komme wieder gegen zwei Uhr nachmittag in das Erdgeschoss, wo sich mittlerweile mehr Leute gesammelt haben. Es geht ja auf die Stunde der Beerdigung zu. Es gibt viele Cola und Limo-flaschen, aber keinen Alkohol. Auch Koka gibt es nur sehr wenig, nur das, was die Leute selbst mitgebracht haben. Basilia ist wohl irgendwo in der Küche, und man teilt Teller voller Suppe aus, auch ich werde bedient. Wir essen schweigsam , nach dem Essen sehe ich die Gelegenheit, den Rosenkranz zu beten. Auf quechua und auf Spanisch. Alle können beide Versionen des Gebetes. Der Rosenkranz dauert eine gute halbe Stunde. Als ich das Gebet beende, kommen neue Leute in den Raum. Auch der ehemalige Katechist, Modesto, der aber mitterweile seine eigene Glaubens-Gemeinde aufgebaut hat, tritt in den Raum. Schliesslich ist Javier sein Schwager und schliesslich ist der Sohn von Javier ein treuer Anhänger seiner Sekte. Auch Modesto kommt und betet und es ist wohltuend für mich, dass er das Johannesevangelium zitiert, und aus dem Hohenpriesterlichen Gebet Jesu eigene Sätze zusammenreimt. Es freut mich, dass er Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist anruft, und somit sein Gottesbild mit der Dreifaltigkeit übereinstimmt. Dadurch, dass der Sohn Franciscas in der Sekte ist, wurde nichts getrunken. Somit war die Versammlung nüchtern. Was sehr angenehm war. Modesto begrüsste mich sehr freundlich und zwängte sich auf die Bank neben mich. Er liess die Nachbarn zusammenrücken und presste sich neben mich. Ich war bereit, mit ihm ein langes Gespräch zu beginnen. Aber sehr bald kam er zur Sache. Er würde Ende August ein Treffen aller evangelikaler Christen der Provinz in Titicachi einladen, dazu würden viele Leute kommen und er hätte keine Übernachtungsmöglichkeit. Er wisse aber, dass die Pfarrei eben Matrazen hätte, dass sie auch einen großen Saal habe und er fragte ob man dort nicht seine Leute unterbringen könne. Ich bin sehr überrascht von diesem Ansinnen. Immerhin sind „seine Leute“ ja auch meine , denn sie sind ja alle in der kath Kirche getauft, jetzt aber übergetreten zu seiner Gemeinde. Mittlerweile schauen die Dorfältesten aufmerksam zu uns beiden her und sie beobachten sichtlich interessiert den Ausgang unseres freundschaftlichen Gesprächs. Man kann sich also unterhalten zwischen Katholiken und Protestanten. Sagt der Jilakata später in aller Öffentlichkeit. Ich bin aber auch erschrocken, wenn ich daran denke, dass viele Katholiken nun in einer Pfingstler kirche sind und letztendlich mir davongelaufen sind. Ich denke an Papst Franziskus und daran, dass heutezutage Offenheit und Brüderlichkeit über dogmatische Streitigkeiten zu setzen sind und sage erst einmal ja. Modesto ist erfreut und voller naiver Begeisterung lädt er mich ebenso sehr herzlich ein. Ich solle persönlich beim Treffen teilzunehmen, es kämen auch seine Pastoren und Vorgesetzte aus La Paz und die sollte ich kennenlernen. Dazu sage ich weder JA noch NEIN; es ist ja schon viel genug, dass ich seine Gäste, also meine abspenstigen Katholiken, bei mir und in der Pfarrei übernachten lasse. Ja, ums Essen würden sie sich kümmern, da brauchte ich keine Angst zu haben. Jetzt kommt der Sohn, Edgar in den Raum, Tränen in den Augen, er bittet nochmals um ein Gebet, ich werde aufgeforder t zu beten und tue das mit einem persönlichen, langen Gebet. Ich erinnere alle daran, dass Fabiana damals vor 17 Jahren ihr Gelände verkauft hat, damit wir dort die neue Krankenstation hinbauen konnten. Was gab es nicht für Aufregung dafür, dass sie das getan hatte, was wurde sie nicht dafür kritisiert – denn immerzu bleibt ja eine Mission mit Ausländern etwas fremdartiges, vor allem wenn man beobachtet wie sehr die Jugend vom Padre vorbereitet wird, in einer modernen Welt zu leben, wie Oberschule und Erwachsenen bildung, Frauenarbeit und Gewebebetrieb die kleine abgeschlossene Welt von Titicachi verändert haben. Francisca hat die Kritik überstanden, Javier auch und ich danke der Toten für ihr Vertraun, das sie in den Padre Max und die Hermana Maruja setzte. Ich beende das Gebet mit dem Vater Unser und gebe ihr den Segen. Jetzt holt Modesto tief Luft und betet auch, nach dem Padre. Die zufällig entstandene Ökumene, das Gebet der Pfingstler und des katholischen Theologen, ist ungeplant und spontan und deshalb auch ehrlich.

Dann kommt der Abschied vom Haus, es sind genügend junge Männer da, die den Sarg die steile Treppe nach oben tragen, wir sind auf der Hauptstrasse und während die Männer den Sarg gen Friedhof tragen, gehe ich zum Turm und schlage 5 Minuten lang die kleine Glocke sehr langsam, mit viel Zwischenraum. Das ist das Totenläuten, die Leute finden sich nun ein und gehen mit zum Friedhof. Dort angekommen, messen sie den Sarg und stellen fest, dass er nicht in die kleine Nische passt, die das alte Grab der Familie noch zur Verfügung hat. So leiht man sich eine Nische in einem neuen, aus Ziegelsteinen hergestellten Grab, bei dem die obere Reihe noch frei ist. Schnell werden die Ziegelsteine des Eingangs herausgenommen und das gähnende Loch ist bereit, den Sarg mit der Toten aufzunehmen. Nocheinmal werde ich aufgefordert zu beten. Da alle nüchtern sind, ist es möglich zu beten, zu singen, denn alle beten mit. Ich habe auf demselben Friedhof schon andere Szenen angetroffen, aber bei Francisca war es gediegen und würdig. Ich sehe Basilia bei den Frauen stehen, wir nicken einander zu und grüßen uns. Dann sehe ich sie nicht mehr, denn sie schläft bei ihrem Bruder und tritt am Tag darauf wohl die Rückreise nach La Paz an. Was in ihr vorgegangen sein mag mit dieser ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, das kann ich nur erahnen, ihr trauriges Gesicht auf dem Foto erinnert mich daran, dass man ihr die Kindheit gestohlen hatte, von der sie so gerne erzählte. Die Härte des Lebens hat sie dann vollständig getroffen und markiert. Ob ich sie je wiedersehen werde? Wenn ich ihr das Kinderfoto übergeben werde, das damals vor ihrem schmerzlichen Abschied von Titicachi von uns gemacht wurdr, wird es möglich sein sie nochmals zu treffen.

Am Tag darauf ist Fronleichnamsprozession
Sehr früh kommen Gregoria , die Frau des Diakons an den Platz zusammen mit anderen Frauen und sie richten ihren Altar her. Wir haben Zeit für einen kleinen Plausch in der Sakristei. Ich erzähle Josef vom Ansuchen Modesto, des Sektenpastors. Josef, mein Diakon, ist überrascht und versucht mich genauer auszuforschen. Was sollte er sagen? Was würde dem Padre gefallen? Aber der hatte ja schon gesagt, dass er zugesagt habe. Also, Josef meinte, warum nicht? Lade sie doch ein. Sie sollen doch bei uns zu Gast sein. Du brauchst ja nicht unbedingt zu ihrem Gottesdienst zu gehen, aber sie können ja hier in der Pfarrei übernachten, warum denn nicht? Und ich nicke und bin einverstanden und dann füge ich hinzu: „Ich mache mir Gedanken, warum manche oder sogar viele unserer Leute zur Sekte gehen: Sie sind ganz einfache Menschen und sie langweilen sich in der katholischen Messe. Aber bei den Pfingstlern können sie beten, gleichzeitig ihre Seele erleichtern, jeder darf beten, jeder darf erzählen, wo er steht. Und ihr Hauptanliegen ist ja wohl , vom Alkohol freizukommen. Das ist ihre Sorge, das ist ihr größtes Problem. Und die kath Kirche hat ihre Feste und die Feste sind begleitet vom Konsum von Alkohol und Bier. Dann trinken viele, und diese einfachen Menschen können nicht widerstehen und beginnen zu trinken und finden so schnell nicht heraus. Jetzt haben sie in Modesto einen, der jahrzehntelang Alkoholiker war und durch die Gemeinschaft der Sekte und ihrer Predigt aus dem Alkohol fand. Und den Weg aus dem Alkohol will er nun diesen seinen Anhängern vermitteln. Und vielleicht hat er auch Erfolg. Es sind vor allem die Älteren, die bei Modesto eine Heimat finden. Sie müssen ansehen, wie sich ihre eigenen Kindern immer mehr der modernen Welt öffnen und dazu haben sie als Ältere wenig zu sagen, die Kinder werden ihnen entfremdet. Und er spricht ihnen wohl auch den Segen Gottes zu, das Verzeihen Gottes und so greifen sie auch in den Geldbeutel und bezahlen ihren Zehnten, und bezahlen somit ihren Pastor, aber schliesslich, wenn sie denn wirklich vom Alkohol befreit sind, haben sie ja auch Segen erfahren.“ Mir tut das Herz weh und ich bin ein wenig traurig, denn ich habe ja auch versucht, die Leute zu begleiten und vom Laster des Alkohols zu befreien. Gleichzeitig aber habe ich ja immer auch die katholischen Feste gefeiert und somit wieder die Gelegenheit zum Feiern angeboten. Wenn ich die Messe nicht gefeiert hätte, hätte das Fest trotzdem stattgefunden, also habe ich zelebriert. Was sollte ich anders tun? Vielleicht brauchen wir Katholiken den komplementären Beitrag der Sekte, damit die Frohe Botschaft auch bei den Alten und Ärmsten ankommt. Ob ich diese Ökumene – nach so vielen Jahren in Titicachi – in meine Vorhaben einbauen kann? Kriege ich diese Kurve noch? Ich werde es versuchen, eine gute Gelegenheit kommt ja bald, wenn ich Räume der Pfarrei für die Übernachtung zur Verfügung zu stelle. Sollte es den Pfingstlern wirklich gelingen, im Gebet, in ihrer Gemeinschaft, in ihrer Art Gottesdienst zu feiern, einige von den Leuten vom Alkohol zu befreien, dann wäre das ja eine positive Leistung. Vor allem den Älteren wäre da ein Stück Heimat geboten, in der sie Halt finden könnten. Bei all dem Neuen könnten sie in dieser Gemeinschaft das Leben besser meistern. Aber meine Seelsorge ist in den Schulen, unter den Jugendlichen, in den Institutionen, die entstehen und den Rückstand vom Land zur Stadt kleiner machen wollen. Die Jugendlichen werden es bei Modesto und seinen Predigen nicht lange aushalten. Aber ich bleibe bei meiner Art Gottesdienst zu feiern und bei Jugendlichen, ohne mich den Älteren zu verschliessen.

Eine Messe mit der Oberschule
Da sind leicht 250 Kinder und Jugendliche vor mir. Unsere kleine Kirche erlaubt, dass sie alle ziemlich zusammengedrängt vor mir sind. Die Kleinen sind im Vordergrund wir haben ja erst vor 4 Wochen die Erstkommunion mit ihnen gefeiert, somit sind sie hoch motiviert und freuen sich, wieder einmal zu Kommunion zu kommen und vorne an den Altar zu treten. Es ist nicht unbedingt Frömmigkeit, sondern einfach das Gefühl, jetzt bin ich ein Stück älter und erwachsen geworden, man nimmt mich ernster als früher. Aber vielleicht haben sie auch einen Bezug zu Jesus, manche wohl, andere nicht, nur: Wer bin ich dass ich ihr Inneres kenne? Ich konzentriere mich auf die Messe, die Lieder, die Predigt. Es muss alles aus einem Guss sein, und es sollte nicht zuviel Geraune und Gerede in den Bänken sein. Wenn ich nachlasse, bestraft man mich sofort mich Geschwätz und Unruhe. Die Lehrer gehen durch den Gang und bringen manchen kleinen Schwätzer zur Ruhe, aber am besten ist es, wenn die Worte stimmen und die Predigt ankommt und die Stille eintritt, weil die Jugendlichen mit bei der Sache sind. Ich kann mich auf die Lieder verlassen und auf meine Guitarre, auch auf meine Stimme. Auf die Lieder, weil sie gute Texte haben, die in die Tiefe gehen. Auf die Guitarre, weil das übers Mikrofon eindringt in den Kirchenraum und Liedern entspricht, die der jungen Generation gefallen. Und die haben ja dauernd Musik buchstäblich im Ohr, das quillt in jeder freien Stunde in ihren Köpfen herum, denn so viele laufen mit einem dünnen Draht herum, an dem ein Kleinstlautsprecher hängt, der ins Ohr gestopft wurde. Ich habe mir einen Text vorbereitet. Ich muss etwas suchen, was die Jugendlichen interessiert. Ich nehme den Text meist vom Wochentag, oder suche mir das griffigste Evangelium in der Woche aus. Diesmal habe ich den Text vom Profeten Elija genommen. Da ist die Berufungsgeschichte des Elischa beschrieben. Als ich damals , am 1. Oktober 1974 in der kleinen Dorfkapelle des unbekannten Indiodorfes Titicachi auf dem Boden lag und die definitiven Gelübde ablegte, war die schlichte einfache Dorfkapelle noch sehr klein. Und mein Mitbruder Franz zeichnete – das konnte er sehr gut – die Berufung des Elischa und das Abschiedsessen von den Seinen. Und dann folgte Elischa dem Propheten nach. Wenn es also um Nachfolge ging, warum nicht darüber predigen? So entstand meine Predigt und ich stand mit dem weissen Poncho, dem man mir damals bei meiner Ordensprofess geschenkt hatte, mit dem stand ich hinter dem Mikrofon in der vollen Kirche. Eines der deutschen Mädchen kam bis nach vorne in die erste Bank, ich musste also so predigen, dass auch eine Deutsche mit 19 Jahren das noch vertragen kann. Bei der Einleitung erinnerte ich an meine Gelübde vor nun 36 Jahren – ich werde alt, unglaublich wo die Zeit hin kam. - Ich sagte die Jahreszahl 1978, und fragte in den Raum, wo denn die Anwesenden damals waren? Ein Mädchen deutete mit dem Daumen nach oben und sagte „im Himmel“, richtig sagte ich, ihr wart alle noch ein Gedanke Gottes, den er eines Tages zu Ende dachte: „Ich will dass ihr alle seid!“ Und so seid ihr hier versammelt. Dann wiederholte ich den Text , den eine Schülerin zwar fehlerlos, aber sehr schnell gelesen hatte, so dass man kaum mit den Gedanken mitgehen konnte.

Hier zuerst einmal der Text, 1 Könige 19, 19-21

Als Elija von dort weggegangen war, traf er Elischa, den Sohn Schafats. Er war gerade mit zwölf Gespannen am Pflügen und er selbst pflügte mit dem zwölften. Im Vorbeigehen warf Elija seinen Mantel über ihn. Sogleich verliess Elischa die Rinder, eilte Elija nach und bat ihn: „Lass mich noch meinem Vater und meiner Mutter den Abschiedskuss geben, dann werde ich dir folgen“. Elija antwortete: „Geh, aber komm dann zurück. Bedenke was ich an dir getan habe“. Elischa ging von ihm weg, nahm seine zwei Rinder und schlachtete sie. Mit dem Joch der Rinder kochte er das Fleisch und setzte es den Leuten zum Essen vor. Dann stand er auf, folgte Elija und trat in seinen Dienst.

Ich erzähle die Geschichte nach, richte die Aufmerksamkeit auf die 12 Gespanne von Ochsen, es muss sich bei Elischa um einen reichen Bauernsohn gehandelt haben, der große Äcker besitzen würde. Er hätte ein gutes Leben führen können als Sohn eines Gutsbesitzers. Und dann gibt er es auf. Elija wirft ihm den Poncho über. Es ist der Poncho eines Profeten, der ja manchmal gegen die ganze Nation antritt und anklagt. Keine leichte und angenehme Aufgabe, aber eine die mit dem Ruf Gottes zu tun hat und mit dem Wohl der Menschen. Und Elischa bricht mit seiner Vergangenheit, als er die Rinder schlachtet, mit denen er pflügt und sät, und ebenso als er seinen Pflug verbrennt,- damit wird er in Zukunft kein Landwirt mehr sein. Er röstet das Fleisch der Rinder am Feuer, das er von seinem zu Brennholz zerkleinerten Pflug entzündet hat und gibt seinen Angestellten zu Essen. Das ist eine Art des Abschieds , wo es keine Wiederkehr mehr gibt.

Ich zeige auf den weissen Poncho , den ich anhabe, mit ihm feiere ich die Messe, und sage erkärend, ich hätte damals vor vielen Jahren, in Jahr 1978 hier in der alten Kapelle von Titicachi auf dem Boden gelegen, und meine Gelübde gemacht, und damals hat man mir diesen Poncho geschenkt. Er stammt vom Pater Mario, einem Belgier, der im Lipez – im Süden Boliviens arbeitete. Und ich habe damals die Herausforderung angenommen, in einem abgelegenen Dorf wie Titicachi zu leben und zu arbeiten. Was sollte ich eigentlich dort, zusammen mit meinen Gefährten? Was sollte ich hier in Titicachi tun? Was war da? Keine Oberschule und keine Abiturienten, die Schulen waren obsolet, 25 Schüler waren damals dort oben in der Grundschule, nur drei Jahre waren die Schüler in der Grundschule, dann wurden sie ins Leben geworfen. In Tarisquia, da waren nur Jungens in der Schule, fragt eure Eltern – die Schüler wurden ruhiger und hörten mit. Weil ein Lehrer ein Mädchen in der Schule missbraucht hatte, da konnten die Eltern ganz einfach den Mädchen die Schule verbieten, denn die war zu gefährlich für Mädchen und die Alten konnten in Ruhe weitertrinken, denn sie hatten in den Mädchen ja genügend Arbeitskräfte und nur die Jungens waren in der Schule. Aber auch nur drei Jahre lang, nicht mehr. In Huayrapata hat der Lehrer den Kindern die dritte Klasse wiederholen lassen, denn sie sollten nicht fort auf eine andere Schule, sie sollten nicht nach Titicachi. So blieben sie 5 Jahre lang in derselben Grundschule...Fragt eure Eltern, wie es früher war. Die Mädchen durften nicht ins Nachbardorf, da vergingen viele Jahre, ehe den Mädchen der Schulweg nach Titicachi erlaubt wurde..... Trinken und häufige Feste waren äusserst wichtig und nach dem Fest waren alle guten Vorsätze kaputt, das Geld verbraucht, die Richter warteten auf die Klagen der einen gegen die anderen und so blieben wir immer auf der Stelle, kein Fortschritt zeichnete sich ab. Aber jetzt ist ja so viel anders geworden – irgendwie haben wir dadurch, dass wir den schweren Poncho akzeptiert hatten, doch dazu beigetragen, dass sich vieles zum Guten gebessert hat. Ich war bislang nur bei mir. Ich konnte aber nicht nur von mir erzählen. Ich hätte so nicht predigen können, wenn ich nicht eine Trumpfkarte bis zum Schluss aufbewahrte. Eine von euch, hat auch den Poncho akzeptiert und wird demnächst ihre Ordensgelübde machen. WER wohl? Schweigen! Ich frage in den Raum, „Wo sitzt Rufina?“ Ich entdecke sie im hinteren Drittel der Kirche. Sie ist allen bekannt, da sie die Sekretärin der Oberschule ist. Rufina ist beste Freundin von Genoveva gewesen: „Wann hat Genoveva Villalba in Uripampa das Abitur gemacht?“ Die Schüler sind sehr still geworden und drehen den Hals um Rufina zu erkennen. Rufina antwortet mir von hinten: „das war im Jahr 2002!“ Alle sind voll mit dabei, jetzt will man auch dies wissen: Wer ist diese Genoveva? ich erkläre, sie sei aus Tikamuri, sie sei bei den Guadalupe-Schwestern in Achacachi eingetreten, und habe dort in Mexico studiert, sie sei mittlerweile Lehrerin und Religionslehrerin , und nun – im Monat August - mache sie ihre definitiven Gelübde. Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams. Ich hoffe, so schliesse ich ab, dass sie bei diesem Schritt glücklich wird, dass sie in irgendeinem Flecken der Erde den Armen hilft, dass sie vielleicht nach Bolivien als Ordensschwester zurückkommt und hier viele Jugendliche ermutigt den richtigen Weg zu gehen. Ich suche den Abschluss, jetzt da alle stille sind und mitgehen, muss der Abschluss bald kommen, damit die Messe steht und manches in der Tiefe vermittelt wird. Ich finde in der ersten Reihe Jhanett. Und sage: „Und vielleicht wirft der HERR dann auch hier über irgendjemanden von euch seinen Poncho und sagt ihm“ und ich sehe Jhanett C an, die häufig vorliest, sie flott und sexy angezogen , und sie ist ein Lider, eine, die sich gut benehmen kann und doch auch abends ausschwärmt – ihre Eltern wohnen ja schon seit Jahren in Yungas, sie betreut ihre kleineren Geschwister und ist bei vielen beliebt. „Wie wäre das, Jhanett, wenn über dich der Herr seinen Poncho werfen würde?“ „Da würde dein Leben einen sehr interessanten Verlauf nehmen und so viele wären dankbar, dich zur Freundin zu haben.“ Und ich kriege die Kurve, auch ohne „Amen!“ lasse ich aufstehen, wir halten die Fürbitten, wir beten für Genoveva, wir beten für die jungen Leute, dass sie ihr Leben mit Christus aufbauen.... Danach kommt ein Song, es war Zeit zu singen, lange haben die jungen Leute still gehalten und irgendwie ist es mir wieder gelungen, diese Messe mit Gehalt zu füllen und etwas den jungen Leuten zu übermitteln. Ob sie das nun aufnehmen, wer weiss? Die Jugendlichen bleiben still auch über den Kanon hinweg, wir singen das Vater Unser mit der Melodie: „Sound of Silence“ und dann, beim Friedensgruss gibt es dann das altbekannte Anschwellen von Unruhe, Ausrufen, Freude und Gelächter – ich lasse das zu, das ist erlaubt, es ist ja der Gruss zwischen vielen und kommt allen von Herzen. Zur Kommunion kommen sehr viele, fast alle, und diejenigen die nun zum vierten oder fünften Mal zu Kommunion kommen, sind mit Freude dabei. Nach dem Segen löst sich die Versammlung auf, die Schüler bleiben noch eine Weile auf dem Marktplatz und gehen dann hinab in die Oberschule, Es ist noch Unterricht angesagt.