EINFACH ERZÄHLEN II.

Ich schreibe diese Seiten absichtslos, einfach um mein Leben hier in Titicachi festzuhalten und hinter all den Personen und Ereignissen, die mir begegnen auch das Wachsen des Gottes-Reiches zu erahnen. So will ich mir und in anderen die Hoffnung erhalten und die Ausdauer stärken. Irgendwann, in stillen Stunden werden diese Seiten gelesen und entzünden vielleicht auch beim Leser/ der Leserin, diese Qualität, die Hoffnung heißt und die wir alle gerne in größerem Maße hätten...

Verstoßen
Nancy kam eines Tages vor meine Tür und als ich sie fragend ansah, bat sie mich, eintreten zu dürfen. Da sass sie also, es war sonnig und wir saßen im Freien. Sie erzählt ihr Leben auf Quechua, das ich aber gut verstehe, denn sie spricht klar und deutlich. Sie kommt aus Mugar, einem großem Dorf der Quechua-Indianer, das auch noch zu unserer Pfarrei gehört. Es ist ein Dorf mit sehr vielen Problemen und die junge Frau, ich schätze sie auf 25, sie bringt mir sicher eine neue Variante der vielen Probleme, die ich schon angetroffen habe. Sie ist schwanger, ich nehme an, dass sie zwischen dem siebten und achten Monat ist und ich frage, ob sie schon in der Krankenstation beim Arzt zur Untersuchung war. Sie bejaht das und sagt, ihr Baby käme in ca. 2 Wochen zur Welt. Sie ist in Tracht der Indio-Frauen und scheint gut gebildet zu sein. Und dann erzählt sie mir, dass ihr Vater sie hasse, sie aus dem Haus verstossen will, weil sie dieses Kind von einem Mann hat, der aus ihrer Verwandtschaft ist. Deshalb wolle ihr Vater von dieser Verbindung nichts wissen. Ich frage nach dem Namen des Vaters, nach dem Namen des Mannes, sie gibt mir Antwort, aber ich kenne beide nicht. Ich frage sie, ob sie nicht bei unserer Sozialarbeiterin, Meche, angefragt habe, vielleicht könne die ihr viel besser weiterhelfen. Sie sieht mich an und sagt: „Bei der war ich schon, aber die schimpft mich und deshalb gehe ich nicht mehr hin.“ „Und warum schimpft dich die Meche?“ frage ich, und erhalte die Antwort: „Weil dies mein zweites Kind ist, das erste ist 4 Jahre alt, es ist ein Mädchen und lebt bei meinen Eltern, den Mann habe ich in La Paz kennengelernt, aber als er erfuhr, dass ich von ihm schwanger war, hat er mich verlassen.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Ich weiss nur seinen Namen, habe aber keine Ahnung aus welchem Dorf er kommt.“ Wieder ist Stille. Ich frage weiter: „und der Vater dieses Babys, ist der aus deinem Dorf Mugar.?“ Sie bejaht. Und ich frage weiter: „ist der ledig? kann er überhaupt für dieses Kind aufkommen?“ Sie antwortet: „er ist Witwer, er hat aber schon zwei Kinder. Und er will mit mir leben, er will mich aufnehmen, aber mein Vater will nicht, mein Vater prügelt mich und droht mir, das Kind umzubringen, wenn es geboren ist.“ Sie weint. Ich brauche eine Pause und gehe ins Haus und bringe ihr einen Cocoa mit Milch und viel Zucker, dazu ein Brot mit Käse. Sie braucht etwas zu essen, und sie erzählt mir ja auch noch, dass sie gar nicht mehr bei ihrem Vater wohnt, sondern im Dorf umhergeht und bei Verwandten wohnt. Aber da kann sie auch nur ein oder zwei Tage bleiben, dann muss sie weiter. Zuerst einmal muss sie hier ihr Kind auf die Welt bringen, am besten in unserer Krankenstation. Danach muss man weitersehen. Und warum kann sie nicht mit diesem Mann zu sammen leben? Wenn sie sich gerne haben, dann wäre doch beiden gedient, da brächten beide jeweils 2 Kinder mit, wobei dieses Ungeborene ja vom Vater stammt und die beiden zusammenhalten könnte. Aber sie erzählt mir, dass sie schon in Chuma beim Richter waren und sie war mit ihrem Vater und auch ihr Freund war dort und der wollte das Ungeborene nach der Geburt aufziehen. Sie wäre fast bereit dazu gewesen, ihr Vater auch, aber als ihnen der Richter sagte, dass sie dann monatlich für das Kind einen Geldbetrag zahlen müssten, denn der junge Vater brauche ja auch Unterstützung, wenn er das Neugeborene aufziehe. Das sei ihnen bislang nicht klar gewesen. Da sei ihr eigener Vater aufgebraust und habe die Verhandlung unterbrochen und beide Parteien seien auf getrennten Wegen nach Haus in ihr gemeinsames Dorf zurückgekehrt. Der Streit wurde dadurch immer nur noch größer. Jetzt frage ich nach dem Verwandtschaftsgrad und sie bringt mir auf quechua Art in ein paar Worten die Klärung: Die Mutter seines Vaters sei die Schwester zu ihrem Großvater. Ich verstehe überhaupt nichts, muss das noch einmal gut aufklären lassen. Da die Quechuas immerzu in Großfamilien leben finden sie sich in diesem Dickicht unglaublich schnell zurecht. Ich aber muss zweimal nachfragen, ehe ich kapiere. Ihr Freund habe einen Vater, und dessen Mutter, also seine Großmutter, ist nun die Schwester zum Vater ihres eigenen Vaters. Ich beginne zu begreifen und rechne durch. Erstes Grad von Verwandtschaft geht nicht, das sind Bruder und Schwester, danach kommen deren Kinder und die sind Verwandte zweiten Grades. Das ist noch nicht der Fall von Nancy und ihrem Freund. Denn sie und ihr Freund sind ja erst die Kinder dieser Verwandten zweiten Grades, sie sind also Verwandt im dritten Grad und das sollte wohl erlaubt sein. So versuche ich ihr den Fall zu erklären. Sie hört aufmerksam zu. Bedankt sich für das Getränk und das Brot und macht sich bereit zum Gehen. Ich gehe nach oben, hole ihr 50 Bolivianos (6 Euro) und gebe sie ihr. Sie kann es sicher brauchen. Und zurückkommen soll sie auf alle Fälle. Sie bedankt sich erfreut und sagt mir noch, sie würde heute abend bei einer anderen Tante übernachten.

Carlitos wird gesegnet
Nancy kommt drei Wochen später wieder vorbei. Sie hat ein Tagetuch um und darin liegt ein Kind. Es ist ein Junge. Ich sehe mir das Kind an, es hat noch ein zerknittertes, kleines Gesichtchen und ist nun gerade mal 6 Tage alt. Sie habe in Titicachi in der Krankenstation geboren und sei gestern nach Hause gegangen. Aber ihr Vater behandle sie sehr grob und sie wisse nicht was tun. Er habe sie früher mit einem Eisenstab geschlagen, es sei unerträglich für sie. Sie würde gerne irgendwohin verschwinden, aber wohin, jetzt mit dem Säugling und kaum genesen von der Geburt. Ich weiss nicht was tun. Natürlich stehe ich auf und gebe ihr einen heissen Schockolade mit Käsebrot und das isst sie gerne in sich hinein. Wir schweigen gemeinsam. Sie stillt das Kleine. Sie ist eine große starke junge Frau, die mir plötzlich ein paar Sätze auf Spanisch sagt. Ich bin überrascht, ich meinte sie könne kein spanisch,aber sie war schon vor Jahren in La Paz und da habe sie Spanisch gelernt. Und auch ihr Kind bekommen. Dann frage ich: „Wie heisst denn nun dein kleiner Junge?“ Sie nennt mir einen Namen, den ich nicht verstehe, der Name eines Heiligen ist es nicht. Denn fast immer nehmen die Leute hier einen Heiligen, der dem Tag entspricht, an dem das Kind geboren ist. Weil ich ihren Namen immer noch nicht verstehe, kramt sie einen Zettel aus dem Gürtel, er ist zerknittert, klitze-klein und als ich ihn aufkriege lese ich einen Namen: „Naimar“. Ich bin enttäuscht. Die Fussballweltmeisterschaft läuft zwar, aber die Stars sind ja doch nur Eintagsfliegen und das Kind solle doch das ganze Leben hindurch seinen Namen in Zufriedenheit tragen. „Hast du es schon segnen lassen?“ „Nein“, sagt sie, und dann bittet sie mich, ihr Kind zu segnen. Ich willige ein, aber der Name gefällt mir nicht. Der Name muss geändert werden, sonst warten wir halt noch ein wenig mit dem segnen. Sie bittet mich, einen Namen aus zusuchen. Mir fällt nicht viel ein. Doch – dann kommt mir die Idee: Der Kleine, um unter diesen Umständen zu überleben, braucht keinen Fussballstar auf Erden, sondern einen Heiligen im Himmel, der ihm beisteht. Ich bin sicher, dass Nancy daran glaubt, denn sie vertraut mir. Und da denke ich an unseren Bruder Karl, Charles de Foucauld, also Carlos soll der Kleine heißen, dann hat er einen aktiven Heiligen im Himmel, dem der Padre Max sehr viel zutraut. Nancy ist einverstanden, und dann gebe ich ihr den zerknitterten Zettel zurück, hole ein weisses großes Blatt Papier und schreibe auf: Carlos, dazu die Nachnamen vom Vater und der Mutter, dann Geburtsdatum und Geburtsort, und übergebe ihr diesen Zettel, den sie zusammenfaltet und ihn ihren breiten gewebten Gürtel schiebt. Nun stehen wir auf, beten das Vater Unser, beten zur Mutter des Herrn, und mit einer gewissen inneren Erregung schliesse ich auch den Seligen Bruder Karl ein und bitte ihn, auf den Kleinen Carlitos aufzupassen. Dann nehme ich Wasser und giesse es über die Stirn des Säuglings und segne ihn. (Man erzählte mir, dass diese taufähnliche Handlung schon zu Zeiten der Inkas üblich war. „wawata jich´ay“ würde man auf quechua sagen.) Es wird nachmittag. Zeit um nach Hause zu gehen. Sie wohnt von der Plaza von M. sehr weit unten, ich rechne dass sie eineinhalb Stunden dafür braucht. Und erst einmal 6 Tage ist die Geburt her. Ich selbst bin mit meinem Latein zu Ende, sage ihr, sie solle langsam gehen und dann könne sie auch wieder zurückkommen. Sie könne gerne bei mir essen, aber übernachten hier in meinem Haus, das gehe dann doch nicht.

Ein Ruhetag
Zwei Tage später kommt sie wieder, diesmal ist es ganz früh am morgen, als ich um 8 Uhr aus dem Haus gehe, sitzt sie auf dem Gehsteig gegenüber. Wir grüssen uns, aber erst mache ich den Botengang und als sie nach meiner Rückkehr immer noch dort sitzt, lade ich sie auf ein Frühstück in mein Haus ein. Sie hat den Säugling, den Carlitos, aber auch ihr 4-jähriges Kind dabei. Das Kind ist nicht sehr scheu, denn es spürt das Vertrauen, das die Mutter in mich setzt. Sie essen ihr Frühstück und Nancy erzählt mir von zu Hause. Der Vater sei unerträglich, und sie habe Angst weiterhin zu Hause zu bleiben. Die Leute haben ihr immer geraten, zum Padre zu gehen, der könne weiterhelfen. Aber der Padre, der hat zur Zeit keinerlei Inspiration und sagt nur, für heute könnt ihr hier da bleiben, es ist kalt draussen und ich habe hinten im Kurszentrum ein Zimmer, da kannst du den Tag verbringen und auch ausruhen. Nach dem Frühstück bringe ich die Nancy und ihre kleine Tochter nach hinten, öffne das Zimmer, zeige ihr das Bett, gebe ihr Decken und spüre , wie sie erfreut und erleichtert ist. Diesen Tag kann sie also in Ruhe verbringen. Sie werden alle zu Bett gehen und ich werde ihnen das Mittagessen bereiten. Aber erst einmal muss ich selbst meine Arbeit tun, es kommen ja immer Besucher und auch sonst... Ich habe genügend zu tun, und denke nur ab und zu an Nancy und ihre beiden Kinder. Und an den Mann, der vom Vater nicht angenommen wird. Ich mache das (einfache) Mittagessen und bringe ihr die Suppe, das Brot, der Säugling bleibt im Bett, die Mutter setzt sich auf die Bettkante während ihre Tochter aus dem Bett steigt und freudig den Teller auslöffelt. Ich frage zwischendurch, wie denn ihre Mutter heisse, und da sagt sie mir deren durchaus seltenen Nachnamen. Den verbinde ich jedoch mit einer engen Bekannten, der ich früher aus der Patsche geholfen hatte. Ob sie nicht verwand sei mit Eulogia?. „Ja,“ sagt Nancy, „ihre Mutter sei die Tante von Eulogia.“ „Dann ist Eulogia deine Cousine!“ stelle ich fest. Mir geht ein Licht auf. Da habe ich also eine nahe Verwandte zu Nancy gefunden, eine die durch die Hölle gegangen war, der wir viel helfen konnten und mit der wir in guter Beziehung stehen. Eulogia würde uns weiterhelfen können, auf ihren Rat würde ich bauen können. Sie würde mir auch das erklären, was mir Nancy verschweigt. Immer wird etwas verschwiegen, immer wird die Wahrheit verbogen, immer ist die Wahrheit, die nackte Wahrheit zu unbequem. Ich nehme meinen Handy, die Nummer von Eulogia ist gespeichert und ich rufe an. Diesmal antwortet Eulogia sofort. Und ihr ist natürlich die Situation ihrer Cousine bekannt. Sie kennt auch die Sache im Einzelnen. Und so schlage ich gleich vor , heute abend noch zusammen ins Haus von Nancy zu gehen und mit dem hartherzigen Vater zu sprechen. Eulogia ist sofort einverstanden. Ich frage Nancy, ob sie mitkommen würde und auch die antwortet bejahend. Mit uns zusammen würde sie es wagen, in ihr Vaterhaus zurückzukehren. So bleibt sie auch den ganzen Nachmittag bei mir im Haus, alle drei schlafen im Bett und ruhen sich aus, alle drei hatten die Zuwendung und die Ruhe bitter nötig. Ich muss sie gegen Abends aus dem Bett holen, sowohl Mutter als auch die 4 jährige Tochter sind in tiefem Schlaf. Der Säugling, Carlitos, liegt ebenfalls friedlich zwischen Mutter und Schwester. Der Ruhetag musste allen sehr gut getan haben. Ich freue mich, dass mein Pfarrhaus doch auch in verschiedenen Lagen nützlich ist. Ich fahre die drei mit dem Auto bis nach Mugar, stelle das Auto in eine Garage, die ich für uns dort eingerichtet hatte, um das Auto von der Strasse weg zu haben. Und wir verlassen die Plaza und nehmen einen Weg, der uns hinabführt in die unteren Häuser.

Eulogia hat ihre Meinung
Ich treffe Eulogia vor ihrem Haus an der Weggabelung, wo es zu den letzten Häusern von Mugar steil hinabgeht. Die Bauern bringen ihre Kühe und Schafe heim. Dass der Padre abends nach Mugar kommt und bis in die letzten Häuser hinabsteigt , bleibt nicht unbemerkt. Eulogia geht hinter uns. Ihre jüngere Schwester hat ihr den Säugling abgenommen und trägt ihn behutsam im Tragetuch. Die Jüngere will sich auf das Leben als Mutter vorbereiten. Ich kann im Gespräch mit Eulogia einiges in Erfahrung bringen. Als ich nach dem Mann frage, dem Vater des Säuglings, wehrt Eulogia entschieden ab: „Es ist nicht das Problem , dass sie ziemlich nahe verwandt sind, es ist einfach so, dass der Mann ein mieser Typ ist, der die arme Nancy herumgekriegt hat, er hat sie betrogen und nun lässt er sie im Stich. Weisst du Padre, warum der ein Witwer ist? Der hat seine Frau in den Tod getrieben, die hat sich umgebracht.“ Das verschlägt mir die Sprache, es geht also gar nicht darum, dass die beiden Verwandte im Dritten Grad sind, sondern dass der Mann ein Macho ist, der sie, die arme Nancy wiederum ausnützen wird und misshandeln dazu. Eulogia ist voll davon überzeugt. Wurde sie nicht auch von ihrem eigenen Mann geschlagen, und mehr noch, als er voll betrunken war mit dem Messer gestochen, und fast umgebracht. Es war Maruja, unsere Krankenschwester, die damals den Hilferuf aus Mugar über das Funkradio gehört hatte und ins Auto gesprungen war, um die halbtote verblutende junge Eulogia nach Titicachi in die Krankenstation zu bringen und dort, auf des Messers Schneide kam sie gerade noch durch. Monatelange war sie krank, mitten in ihrer Genesung brachte sie ihr Baby zur Welt und da es Ende September geboren wurde, gaben wir ihm den Namen eines der drei Erzengel, wir nannten ihn Rafael und ich übernahm die Rolle des Paten. Ohne Unterstützung von uns wäre sie, Eulogia wohl nicht durch diese dunkle Schlucht gekommen. Nun geht es ihr besser, sie lebt alleine, ihre drei Kinder lieben sie und gehorchen ihr und sie bringt sie alle hoch. Aber sie blieb alleine, sie hat sich - obwohl noch jung- keinen Mann mehr genommen. Sie sagt nicht Padre zu mir, sondern Padrino, obwohl ich eigentlich ihr „Compadre“ wäre, einer der mit ihr zusammen die Erziehung dieses ihres Sohnes bestreitet. „Padrino“, sagt mir Eulogia, „die Nancy darf diesen Typen nicht nehmen, sie wird sehr viel leiden müssen, am Ende bringt sie sich auch noch um.“ Klarer konnte sie ihre Meinung nicht äussern.

Im Elternhaus.
Wir kommen mit ins allerletzte Haus, es wird bald dunkel. Hunde umstreifen uns, aber sie werden von den Frauen beruhigt. Sie tun mir nichts. Es geht durch einen Graben, da ist fast kein Weg zu sehen, wie komme ich da nachts wieder hinauf? Nun , als wir uns dem Elternhaus nähern wird Nancy sehr still, auch ihre Schwester Maria schweigt und die Angst greift um sich. Ist der Vater da? Ist er noch auf dem Acker, aber es ist ja fast schon dunkel. Wir kommen an den Eingang des Gehöfts, müssen durch zwei angebundene Maulesel hindurch und treten in den Hof. Die Mutter begrüsst freudig ihre Nichte Eulogia, sie hat kurze Worte für ihre Tochter Nancy und dann sehe ich noch drei andere Mädchen über den Hof laufen. Man führt uns in ein Zimmer auf einem Bett sollen wir Platz nehmen, das Haus hat elektrisches Licht und man stellt mir die drei Mädchen vor. Eine, sehr lang und hochgewachsen, viel zu groß für ihre 12 Jahre ist dem Vater nachgefahren. Auch Nancy , die älteste Tochter ist ja groß und stark. Die Mutter, ich kenne ihr Gesicht von früheren Kursen der Frauen, wendet sich voller Vertrauen an mich und erklärt auch gleich, dass sie nur diese 5 Töchter habe, sie habe keinen Sohn bekommen. Das ärgere den Mann, und der sei oft grantig und böse, auch sie habe er schon geschlagen. Sie lehnt an der Türe und zeigt auf den Eisenstab, einen vierkantigen 1,5 meter langen Eisenstab, der leicht einen Zentimeter breit ist. Ich stehe auf und nehme den Stab in die Hand. Wie kann man nur gegen Frauen so angehen, wer ist Sebastian, ihr Mann und der Vater von NAncy? „Und zum Trost“ , sage ich, „habt ihr nun einen Enkel, den Carlitos, dort bei Nancy.“ „Ja, „ sagt die Mutter, „aber der Vater will diese Kreatur gar nicht sehen, und auch nicht im Haus haben, was wohl noch aus uns werden wird!“, der Mutter kommen Tränen in die Augen. Maria, die 14 jährige Tochter, die Nancy den Kleinen Carlitos abgenommen hatte, ist nun dabei, im Zimmer die Küche einzurichten. Da stand in der Ecke eine Gasflasche (Propangas), mit einem Schlauch wird sie mit einem handgefertigten Eisenherd verbunden, und da werden auch schon zwei nagelneue,noch nicht gebrauchte Töpfe hergebracht, und da wird nun gekocht. Ich wehre ab. Ich bin nicht zum Essen gekommen, sondern einfach um mit Sebastian, dem Vater von Nancy zusprechen. Aber mein Einwand ist sinnlos. Wenn schon einmal der Padre, sogar nachts den Weg bis hier herunter findet, dann muss er gut essen. Ausserdem kommt ihr Mann ja hungrig nach Hause und will essen. Natürlich, der Mann ist sicher hungrig und hat seit Mittag wohl nichts mehr gegessen, während ich – bevor ich mit Nancy und Kindern aus Titicachi wegfuhr, zusammen mit Nancy noch etwas gegessen hatte. Ich überlasse mich ungern der Vorsehung, obwohl die es oft gut mit mir meint, aber ich will meistens alles unter Kontrolle haben. Es wird Reis gekocht, Eier in der Pfanne gebraten und ein einladender Duft füllt unser Zimmer. Hier sind wir, die Mutter, vier Töchter, die Kleinste ist die frechste von allen, sie nähert sich mir, will mir zeigen, wie gut sie schreiben kann, aber ich erkenne sehr schnell dass sie das Heft ihrer älteren Schwester zeigt und nicht einmal das lesen kann, was da geschrieben steht. Alle lachen, als ich ihren kindlichen Betrug aufdecke. Dann wieder Schweigen, alle hören nach draussen, ob der Vater nicht bald komme. Wir warten ganze zwei Stunden auf ihn, inzwischen erzählt mir die Mutter viel von ihrem Leben, Eulogia stimmt oft in diesen Bericht ein, und ich freue mich, in dieser Unterhaltung, die auf quechua geführt wird, leidlich viel zu verstehen und dann auch gut und verständlich zu manchen mir gestellten Fragen antworten zu können. Manche meinen ich spreche diese Sprache perfekt, aber wie weit und wie schwierig ist der Weg, eine Sprache gut zu verstehen. Und Quechua ist eben auch ein erdgebundener Dialekt, mit sehr viel lokalen Begriffen, mit ganz konkretem Bezug zu Orten, Menschen und Gebräuchen. Wieviel anderes lenkt uns ständig davon ab, die Menschen zu verstehen, mit denen wir ein Leben lang unterwegs sind. Dann sind Schritte draussen zu hören, die Mutter springt auf, alle schauen gebannt auf die Türe, sie haben an den festen Schritten ihren Vater erkannt. Sebastian wird von der Mutter an der Türe noch aufgeklärt, dass der Padre aus Titicachi zusammen mit Nancy und Kindern hier eingetroffen ist, sogar Eulogia, die Nicht sei hier. Sebastian tritt ins Zimmer, wir begrüssen uns mit festem Händedruck. Er ist ein Stück größer als ich und läuf t gebeugt durch die kleine Türöffnung und sein Händedruck ist einer Beschreibung wert: fest, eine Hand mit vielen Schwielen, auch noch feucht vom nächtlichen Aufstieg. Er setzt sich verlegen neben mir auf einen Stuhl, das Essen wird ausgeteilt, er erhält einen großen behäuften Teller mit ausgeschlagenen Eiern, ihm steht der Hunger im hageren Gesicht, ich erhalte denselben Teller und mir wird Angst, ob ich je diesen Berg Reis mit Eiern verzehren könnte. Er spricht schnell und unverständlich für mich zu seiner Frau und die schickt eine Tochter weg, jetzt nachts durch diesen dunklen unbeleuchteten Graben. Ich ahne dass sie Limonade einkaufen würde, auch Kokablätter, das verstehe ich. Ich habe zufällig Kokablätter vor ein paar Tagen bekommen, zuviel für mich, die hole ich aus meiner Tasche hervor und lege sie neben seinen Teller voller Reis. Er nimmt sie dankend an. Wenn ich Sebastian ansehe, dann ist er ein großer Mann, mit hagerem Gesicht und stolzem Blick. Wir essen in Ruhe. Als Vater und Mutter für eine Minute das Zimmer verlassen, stehe ich auf, und verteile meine große Reisportion auf die Teller der Töchter, die zwar protestieren, aber doch die Teller nicht zurückziehen , und im Nu habe ich nur mehr eine kleine Portion, die ich gerne esse, auf meinem Teller. Nach dem Essen geniessen wir die Limonade, die von einer Tochter ins Zimmer gebracht wurde. Sebastian säubert die Enden der Kokablätter und steckt sie genussvoll eines nach dem anderen in seinen Mund. Die Stimmung im Zimmer ist entspannter geworden. Die beiden Mädchen sind schlafen gegangen, es bleibt nur mehr Nancy und Maria in der Zimmerecke und warten auf das Gespräch. Nach dem Dank für das reichhaltige Essen, sprechen wir ruhig miteinander.

Eine vorläufige Lösung
Ich beginne mit dem Problem, erkläre, dass seine Tochter zu mir gekommen sei, und weil sie da so von Haus zu Haus jetzt geht, bin ich halt gekommen, um persönlich mit ihren Eltern zu sprechen, mit der Mutter, aber auch mit dir Sebastian. Das gibt ihm Gelegenheit, den Fall zu erklären, so wie er ihn sieht. Er schimpft über seine Tochter,die ihm nun zum zweiten Mal ein Kind bringt, und wiederum keine Möglichkeit, dass sie mit diesem Mann leben könne. Er sei enttäuscht, und lasse manchmal seine Wut aus, er verstehe nicht, wie sie ihm dies antun konnte Ich hätte eigentlich einwenden wollen, dass der Vater des kleine Carlitos – obwohl verwandt, doch nur im dritten Grad verwandt sei und doch eine Partnerschaft möglich wäre. Eulogia hat mir dieses Argument aus der Hand genommen, davon ist also keine Rede mehr. Mit dem Mann kann sie nicht leben, sie muss es also alleine versuchen. Aber ich verteidige Nancy und versuche, ihr einen Weg nach vorne zu öffnen. Dann kommt die Reihe an die Mutter, die ebenfalls die Tochter anklagt, dass sie nicht auf sich aufgepasst hätte. Sie hätte doch aus der ersten Geburt der kleinen Tochter lernen müssen, das habe sie aber nicht gekonnt. Nocheinmal spricht Sebastian, : Er habe es satt, jetzt auch noch seine Tochter und deren neues Kind zu ernähren, sie solle zusehen, wie sie zurechtkommt. Wir sind hier schon genug im Haus. Und sie ist alt genug um zu wissen, wie man leben muss, sie kann hier nicht mehr bleiben. Nun spricht Nancy, sie verteidigt sich, sie beklagt sich, dass man sie nicht mehr im Haus akzeptiere, sie weint., dabei ist sie ja einverstanden bald nach La Paz zu gehen und dort zu arbeiten. Eulogia nimmt das Wort und sagt zu Nancy: Mit diesem Mann wirst du nicht glücklich, er ist ein Macho und er wird dich ausnutzen, du wirst viel weinen. Es ist besser wenn du nach La Paz gehst, Du kannst nicht mit einem Säugling in die Yungas, denn die Mücken werden es überall stechen. Das ist unerträglich und gefährlich auch für das Kind. Eulogia erzählt von ihrer eigenen Erfahrung. In La Paz wird man dich mit einem Kind, einem Säugling schon aufnehmen und dir Arbeit geben. Aber am besten lässt du die kleine Tochter hier bei deiner Mutter, dann findest du leichter Arbeit.

Auch ich bin der Meinung, dass die Tochter Nancy sich umsehen muss und in La Paz – am besten dort – auf Arbeitssuche gehen sollte. Das Kleine wird sie mitnehmen, der Säugling braucht die Mutter, aber vielleicht lässt sie die Tochter mit ihren 4 Jahren hier im Haus. Nur, und darum bitte ich den Vater Sebastian, sie sollte doch noch ein Monat hier im Haus bleiben dürfen, damit sie sich erholt, denn die Geburt schwächt einfach die Mutter und damit sie nicht krank wird, sollte sie noch vier Wochen hier im Haus verbleiben, nach Kräften mitarbeiten, aber gegen Monatsende dann doch ihr Glück in La Paz versuchen. Nancy will nicht mehr im Haus bleiben, sie weint, und spricht mich an: ob sie nicht diese Zeit bei mir in der Pfarrei wohnen könnte? Ich muss darauf antworten, ich stehe ja kurz vor einer Reise nach Cochabamba und ich komme wohl erst in 10 oder 14 Tagen zurück. Dann sage ich ihr: „Danach kannst du zu mir kommen, und ich gebe dir dann das Geld für die Reise nach La Paz. Ich kann dir für diese Reise helfen.“ Sebastian sagt mit entschiedener Stimme: „Ich bin einverstanden, meine Tochter soll noch vier Wochen hier bleiben, aber danach nimmt sie den Kleinen mit sich, und die Tochter kann sie hierlassen. Die können wir hier auch noch ernähren. Dabei kann es bleiben“. Es kommt noch zu einem Wortwechsel zwischen der Mutter, die dem Vater vorwirft, wie er denn so seine Tochter verstoßen könne, das sei unmenschlich, die Mutter weint, der Vater schweigt sich aus, in der Gegenwart des Padres mag er wohl nicht zu anderen Mitteln greifen. Wörtlich sagt die Mutter: „dass deine Tochter Nancy existiert und hier lebt, daran sind wir beide Schuld du und ich, wir beide haben sie gezeugt!“ Das wiederholt sie und fährt fort mit vielen Worten, endlich darf sie einmal reden, sich ausreden und dem Mann seine Härte vorwerfen. Auch Nancy weint, aber am Ende nehmen alle die Entscheidung an. Ich bitte alle darum, dass sie aufstehen, wir geben uns die Hände, ich stehe zwischen dem Vater und seiner Tochter Nancy und so, die Hände im Kreis, jeder seinen Nachbarn an der Hand, so beten wir das VaterUnser und das Gebet zur Mutter Jesu. Ich bete ein paar persönliche Worte zum Schluss und bitte um den Segen von oben. Ich spüre die Erregung, in der alle beteiligten sich befinden und beende diese Gebet damit, dass ich jeden einzelnen umarme und mich dann von allen verabschiede. Auch Nancy gibt ihrem Vater Sebastian die Hand, aber sie bleiben dabei wie Statuen unfähig sich zu umarmen. Dennoch, kein Zweifel, wir sind ein Stück weiter als vor ein paar Stunden.

Es ist Nacht, vielleicht 10 Uhr, schon vier Stunden lang ist Dunkelheit über dem Dorf. Den sternen behangenen Nachthimmel mag ich nicht bewundern, ich folge den beiden Frauen, die mich nun auf dem Weg nach Hause begleiten. Eulogia hat Maria, die jüngere Schwester eingeladen, mit ihr zu gehen. Sie wollen mich bis hinauf zur Garage begleiten. Sie haben Licht aus ihren Handys, die ja immer am Netz aufgeladen werden und somit ein fast kostenloses Nachtlicht spenden können. Es ist schön, dass sie mich begleiten wollen, anscheinend finden sie, dass ihr Dorf nachts sehr unsicher ist. Aber ich habe keine Angst, und lasse mich nur solange begleiten, bis für mich kein Zweifel mehr an dem richtigen Weg besteht. Dann gehen die beiden Frauen zurück, ich verstehe, dass sie zu zweit nachts unterwegs sein wollten, und steige dann alleine weiter bis hinauf zur Plaza. Ich habe eher Angst vor streunenden Hunden, nur einer bellt hinter einer Mauer, aber der traut sich nicht, den nächtlichen Wanderer zu belästigen. Ich komme sicher zur Plaza, finde die Garage und komme nach einer kurzen Autofahrt nach Hause.

TOTENMESSEN ZU SAN PETER UND PAUL
Die quechua Kultur unserer Täler hat Ende Juni, beim Abklingen der Ernte, und mitten im Winter der Hochgelegenen Täler ein Fest für die Toten erhalten. Dieses Totenfest muss noch vor dem Eintreffen der Spanier gefeiert worden sein. Mittlerweile feiert man natürlich auch die Seelenmessen zu Allerseelen. Ich stelle mir vor, dass die Urbewohner unserer Täler, überrascht von dem Überfall der ausländischen Spanier, einen gewaltigen Kulturschock erlitten. Und sie versuchten, ihre eigene Kultur zu retten, indem sie sie unkenntlich machten. So kommt es dazu, dass man zu Ende der Erntezeit der Toten gedenken will wie früher auch, und da bietet sich der Hl Petrus an, der hat ja den Schlüssel in der Hand und kann den Himmel öffnen. So jedenfalls die Katechese, die man den Eingeborenen gegeben hat. So steht es jedenfalls auch in den Evangelien. Sein Fest fällt auf den 29. Juni. Damit konnte man also – ohne gegen die Religion der Eindringlinge anzugehen – die Toten zu San Petrus mit Wohlwollen der neuen Herren feiern. Und da die Toten ja auch bei der Aussaat mithelfen, und dafür sorgen sollen,dass der Regen rechtzeitig eintritt, feierten die Indianer bereitwillig und ein zweites Mal ihre Toten zu Allerseelen, was auf den 2. November trifft.

Die Seelenmessen Ich habe Helfer die an der Kirchentüre die Namen der Toten aufschreiben und eine kleine Gebühr für die Messe erheben, für zwei bis vier Intentionen zahlen die Leute 10 Bol, (etwa 1,10 €) Reich werde ich davon nicht, auch wenn ich mehrere Seiten lange Listen von Namen in die Hand bekomme, als ich zur Messe gehe. Die Kirche ist voll. Man hat die 1,50 m langen Sitzbänke auf die Seite geschoben und Platz gelassen für die Tische, die mit allerlei Essmitteln überhäuft sind. Vor allem Brot ist zu sehen. Brot, das die Form von Kindern hat, man nennt sie deshalb auch die „T`anta-Wawas“ (Brot-Kinder). Die Kirchenbänke hat man auf die Seite geschoben und am Rand der Kirche sitzen die Leute. Einige Frauen bleiben bei ihrem Tisch, richten Brot, Limoflaschen und die Kleider des Toten, meist es die Indianertracht, die abgebahrt ist. Es glänzen die dunkelroten und kostbar gewebten Ponchos der Männer, die da auf den Tischen ausgebreitet sind. Auf jedem Tisch ist wichtig der Hut des oder der Toten.Der weisse – aus gepresster Schaffwolle – breitkrempige Hut (er ist bei Frau und Mann fast gleich gestaltet und gleich groß.) gegen Sonne und Wetter, wird mit Blumen geschmückt. Es sind keine Blumen die im Garten wachsen, es sind aus farbigem Glanzpapier kunstvoll geschnittene Papiere, die fast den Hut verdecken, es leuchten alle Farben, ein Zeichen, dass ein Festtag ist. Ich habe diesen Anblick der Kirche schon oft gesehen, immer erfreut es mich, dass unsere Kirche so einfach gebaut ist, dass sie sofort diese prächtig geschmückten Tische ins Zentrum nehmen kann und die leichten Kirchen-Bänke aufgestapelt sind an den Rändern. Heute ist Sankt Peter und Paul und die Seelen haben einen Tag Urlaub, sie dürfen vom Himmel her auf die Erde kommen und sind jetzt unter uns. Sie werden am Brot knappern, Kokablätter kauen, Limo und später – ausserhalb der Kirche – auch Chicha (Mais-Bier) und ein paar Tropfen Schnaps trinken, und sich vom Stress im Himmel erholen. – So könnte man meinen, wenn denn die Variante: „Urlaub vom Himmel“ Wirklichkeit wäre. Ich sehe Demetrio, er ist der Vater des eben verstorbenen jugendlichen Adhemar. Ich gehe auf seinen Tisch zu, er erhebt sich und wir stehen mitten unter den Leuten, hier können wir nicht reden, hier kann er nichts sagen, denn zu sehr ist ihm die Emotion ins Gesicht geschrieben. Er folgt mir in die Sakristei, ich schliesse die Türen und wende mich ihm voll zu. Demetrio , ein etwa 40 jähriger Mann, den früher in Uripampa Abitur machte, danach aber von uns gefördert wurde und sein Lehrerstudium abgeschlossen hat, und jetzt in den tropischen Tälern von La Paz unterrichtet, er hat Tränen in de Augen, schluchzt vor Emotion und berichtet mir sehr genau und in geordneter Form, „Ich habe“, sagt Demetrio, „nicht gewusst wo mein Junge, der Adhemar, zusammen mit seiner Freundin gelebt haben. Mit mir hat er auch gar nicht telefoniert, nur mit seiner Mutter, und die lebte in Luquisani. Padre, ich war nicht einverstanden, dass er die Oberschule verliess, ich war nicht einverstanden, dass er das junge Mädchen mit sich nahm, denn beide waren ja erst fünfzehn, als sie die Schule verliessen, es sind jetzt vier Monate her. Und jetzt ist er tot. !“ Demetrio kann vor Emotion nicht mehr weitersprechen, er weint, ich lege ihm die Hand um die Schultern und umarme ihn. Es ist mir egal, dass die Kirche voller Leute ist, die darauf warten, dass die Messe beginnt. Wir sind in der Sakristein unter uns. Demetrio fasst sich und will alles der Reihe nach erzählen. „ich erhielt einen Anruf, aus heiterem Himmel, und man sagte mir, ich solle nach Asunta , (ein Städtchen in den Yungas von LA Paz) in ein bestimmtes Dorf kommen. Denn hier sei mein Sohn Adhemar, der aber leider gestorben ist. Er habe unvorsichtig mit einem Gewehr hantiert und eine Kugel sei ihm in den Kopf gefahren, darauf sei er in Kürze verstorben. Ich war im Schock, ich wusste ja gar nicht wo mein Sohn lebte, nun sagte man mir den Namen eines kleinen Dorfes mitten im Gebiet, wo Koka angebaut wird, ich fahre sofort los, muss große Umwege machen über Caranavi, und schliesslich komme ich bis nach Asunta und in dieses Dorf. Dort sind nur wenige Häuser und ich werde hingeführt zu meinem Sohn, der liegt im Schatten eines Baumes zugedeckt mit einer leichten Decke, er ist tot. Eine Woche vorher wurde er erstmals sechzehn. Ich und meine Frau , wir waren nicht einverstanden, dass er die Schule verliess, weniger waren wir einverstanden, dass er seine Freundin mitnahm, und da sind sie einfach verschwunden ohne uns je zu sagen, wo sie steckten.“ „Und wie ist der Unfall passiert, wie ist er ums Leben gekommen“, frage ich. In dem Haus, wo er und seine Freundin wohnten und arbeiteten war ein Gewehr , eine leichte Rifle, so wie ein Luftgewehr. Das hing da einfach an der Wand. Die Polizei, die mich dort erwartete, sagte mir , dass es ein Unfall gewesen sei, denn er habe den Schuss zwischenvor den Zähnen bekommen, die Kugl sei hinter der Nase und hinter dem Auge vorbei ins Gehirn vorgedrungen. Und er sei dann sofort umgefallen, das Mädchen war draussen am Wasserbecken und wusch das Geschirr, sie hatten gerade gegessen und wollten danach auf die Kokafelder um zu arbeiten. Er habe einfach mit der Rifle gespielt und die Kugel sei so losgegangen. Das Mädchen habe den Sturz gehört, sei ins Zimmer gelaufen und habe ihn am Boden gesehen, voller Blut und schon im Todeskampf. Ich versuche etwas zu sagen, was ihn vielleicht trösten könnte, ich sage in etwa: „Ja gut, dass junge Leute heute schon sehr früh beginnen wollen als Paar zusammen zu leben, ist ja nicht so schlimm. Er hätte ja nach ein paar Jahren immer noch in den CETHA (unser Erwachsenen-bildungsinstitut) eintreten und sein Abitur nachmachen können und danach sogar studieren können. Aber dass so etwas passiert, das ist unerträglich.“ Demetrio ist einverstanden mit meiner Bemerkung, auch er meinte, danach könne man ja immer noch studieren, jetzt habe sein Sohn halt seinen Kopf durchgesetzt und da er sich irgendwo abseits von den Eltern mit seiner Freundin aufhielt, dort, wo ihn keiner kannte, da konnte man ihm ja auch nicht helfen. „Also ein Unfall, ein Unfall ist es gewesen.“ „JA, es war ein Unfall, er war leichtsinnig, und das kostete ihm das Leben.“ „Wir werden in der Messe für ihn aber auch für alle beten“, sage ich, und drücke fest die Hand von Demetrio. So verabschieden wir uns. Er geht nun auf die Sakristeitüre zu und zurück in die Kirche. Ich ziehe Albe und Messgewand an und begebe mich ebenfalls in die Kirche. Die ist mittlerweile ganz gefüllt, und wir beginnen mit dem Gottesdienst. Meine Katechisten sind in den Altarraum gekommen und beginnen dort mit dem Eingangslied und helfen mir dann bei den Lesungen, das Evangelium übernehme ich, und dann predige ich noch ein paar Gedanken. Da die ganze Messe in Quechua ist, werden auch meine Worte sehr einfach und bildhaft. Sie gehen davon aus, dass es manchmal sehr schnell geht, ein Unfall, eine schnelle Krankheit und wir sollten uns also auf diesen Übergang ins andre Leben gut vorbereiten. Ich sehe die Trauergäste, meist doch Leute im Mittelalter oder gar schon älter und ich schlage ihnen in schlichten Worten vor, mehr zu tun, dass wir mit den anderen versöhnt leben, dass wir beginnen uns zu entschuldigen, dass wir uns bemühen, die Beziehungen, die bislang schlecht gelaufen sind, wieder auf die Reihe zu bringen. Dann hätten wir auch mehr Lebensqualität, und der Schmerz über erlittenes Unrecht, und Erinnerung an schlimme Worte und harte Szenen, die in unserem Gedächtnis eingegraben sind, all das könnte dann abgebaut werden, und Friede könnte in unsere Seele einziehen. Somit wäre dann unser Leben freier, friedvoller und habe eine größere Lebensqualität. Man hört mir aufmerksam zu, mein Quechua ist simpel, der Wortschatz ist begrenzt und allzulange dauert meine Predigt ja auch nicht.

Dann – nach dem Credo, das wir singen, kommt die seitenlange Liste von vielleicht 300 Namen, alle Verstorbene, die nun namentlich aufgerufen werden. Es ist sehr still in der Kirche, alle warten auf die Nennung der Namen ihres Verstorbenen und es klingen wohl auch andere bekannte Namen in den Herzen der Zuhörer, man hat sich ja gekannt und hat auch teilweise mit vielen zusammengelebt. Natürlich klingt der Name Adhemar, dieses Jugendlichen, dessen Tod vor erst einer Woche eingetreten ist, besonders schrill und grell in den Ohren der Zuhörer. Auch mir tut es sehr weh, diesen Namen zu nennen, ich werde dieselben Namen mitten im Hauptgebet der Messe, im Kanon nocheinmal nennen . Kann man nun mehr tun? Ist die Messe nicht eine Art Trauerarbeit, eine Art Trostpflaster für den Verlust der Verstorbenen. Aber hier im Kirchschiff, wird durch die Liturgie und die Gebete immer wieder zugesagt, dass das Leben weitergeht und dass ein Wiedersehen möglich ist. Und die Quechua-Indianer, die diesen Festtag des Hl Petrus interpretieren als Urlaubstag für die Verstorbenen, kennen überhaupt nicht die Möglichkeit zum Zweifel an der Existenz Gottes noch Zweifel am Weiterleben nach dem Tode, wie das einige – sogar viele Menschen in anderen Breiten behaupten. Ich bin vielleicht der einzige in dem Gottesdienst, der durch seine europäische Herkunft auch diesen Gedankengang zulassen muss, einfach weil es zur herrschenden Kultur gehört, alles anzuzweifeln und alles in Frage zu stellen. Dennoch, ich kann auch wieder zurück zum einfachen Glauben, der mich das ganze Leben hindurch getragen hat und mir auch jetzt das Fundament bietet, allen Herausforderungen dieser Tage die Stirne zu bieten. Auch ich werde älter und auch ich merke am eigenen Körper, dass es weniger wird, auch ich frage mich angesicht der Katastrophen der Welt, der Kriege, des Unrechts und der Schicksale, die einzelne Familien in ungeheuerer Wucht durchleben müssen, nach dem Sinn des Ganzen. Ich finde keine bessere Annwort als die: Nach Möglichkeit zu helfen, andere aufrichten und trösten, und dem Übel die Stirne zu bieten. So zelebriere ich diese Messe besonders intensiv, wähle alte Quechualieder aus, lasse das Credo und das VaterUnser in alter Melodie singen, und ich spüre, dass mein inneres Mitgehen auch bei den Trauergästen ankommt. Auch sie erhalten Mut und Trost in dieser Eucharistiefeier.

Mein kleiner Chor hat mich mit viel Schwung und Glaubenseifer begleitet, und ich sage ihm öffentlchen Dank. Manche kommen nach der Messe zu mir und nehmen von den Broten und Früchten, die auf ihren Tischen ausgebreitet waren und geben mir reichlich davon. Ich nehme dankend an, ich begrüsse noch die einen und anderen, danach gehe ich langsam durch die Sakristei zurück in mein Haus. Ich sehe Demetrio nicht mehr, denke aber häufig an ihn und an seine Frau Elisa. Sie begleiten mich auf dem Weg in die Ferien, ebenso wie der zu früh verstorbene Sohn Adhemar.

bei Freunden.
Es sind 2 Wochen Schulferien, aber auch Ferien für mich. Ich habe Titicachi hinter mir gelassen. Ich werde auch die Brüder in Cochabamba besuchen. Aber jetzt erst einmal hier in A. Einem Vorort von LA Paz. Mein Freund hat eine Käserei aufgebaut, sie industriell durchgestaltet, er kauft die Milch auf, denn die Bauern hier im Umkreis halten Kühe und leben zTeil vom Verkauf der Milch. Es sind viele Angestellte bei Esteban, der nun schon seit mehr als 10 Jahren seinen Betrieb über die Wogen und Wellen der Tagespolitik in gewinnbringende Fahrwasser bringt und auch halten kann. Die jetzige Regierung ist nicht gerade Freund von Unternehmern, sie setzt auf staatliche Betriebe, die aber – wie alles staatliche, sehr bald in die Hände von Parteigenossen fallen und ausgeraubt werden. Noch hat die Nation diese Erfahrung nicht genügend gemacht und somit lebt ein Unternehmer ständig in Angst vor der neuen Falle, oder Schikane, die irgendwo in einem Büro ausgeheckt wird. Neben dieser Belastung ist es auch nicht leicht, mit einer einheimischen Frau zu leben, die aus den Tälern um Titicachi herum stammt. Seine Frau, Veronica, stammt aus einem der umliegenden Täler unserer Provinz. Und ihre Muttersprache war quechua. Das Paar hat zwei Töchter. Die Familie ist zusammengekommen und wir feiern n den Sieg Belgiens gegen U.S.A., denn es ist Fussballweltmeisterschaft und seit ich in den Ferien bin, lasse ich mir kaum ein Spiel entgehen, vor allem kein Spiel der Deutschen Mannschaft. Nun, hier draussen – obwohl in der Nähe der Hauptstadt, ist kein Fernseher und nur Internet. Internet aber bringt kaum die Spiele, man merkt die finanzielle Gier der FIFA, alles ist gesperrt, nur die reichen Länder kaufen alle Spiele, und die Armen müssen zahlen, über Kabelfernsehen oder Schüssel. Die Tochter aber ist fit auf dem Computer und findet einen Anbieter, der auf ihrem Laptop das Spiel Belgien – USA noch zeigt. Da sie aber ein recht billiges Internet hat, kann der Computer alles nur auf Postkartengröße übertragen. Immerhin, die beiden Mädchen und auch Esteban hören und schauen zu und begeistern sich am Sieg der Belgier. Richtig, Esteban ist Belgier und seine Familie spricht drei Sprachen: Quechua, Spanisch und Französisch. Kein Flämisch, aber Französisch. Belgien gewinnt, die Freude ist groß. Dann macht sich auch das Holzfeuer im Ofen bemerkbar, vertreibt die Kälte aus dem Zimmer, wir setzen uns um den Ofen, der mit seiner Glasplatte die Flammen zeigt und erlaubt, das Holz in seinem Prozess der Hingabe ans Feuer zu beobachten und sich daran zu wärmen. Es gibt eine Runde der Revision de Vie, das war auch so gewünscht. Die Jüngste studiert in La Paz und die Ältere arbeitet beim Vater im Büro mit, sie trägt auch alles Leid des Unternehmens und muss das auch immer wieder verdauen. Die Unterschiede der Kultur sind gewaltig, hier Europa, dort eine Frau aus den Tälern, und da wird einiges besprochen. Mitten in diese Gespräche kommt mir die Erinnerung an Nancy, die ja in 3 Wochen nach La Paz kommen soll. Kann man nicht gerade hier etwas mit Nancy und ihrem Carlitos anfangen? Sie spricht ja dieselbe Sprache und ist Teil derselben Kultur der Quechuas wie diese Familie. Veronica ist einverstanden. Der Gedanke, dass Nancy weben könnte und die Kultur ihres Dorfes in sich hätte, der Gedanke gibt ihr Flügel. Sie ist einverstanden, dass Nancy zuerst zu ihr kommen könnte und hier genügend Platz und Arbeit finden würde. Man gibt mir ein eigenes Zimmer, und ich darf in einem großen Federbett schlafen, von Kälte ist dort keine Spur. Ehe ich einschlafe über denke ich den Abend und meine, vorhin hat man davon gesprochen, sich zu verzeihen, wieder einmal neu zu beginnen in der Beziehung. Und ich war müde und habe den Gedanken nicht aufgegriffen. Schade. Dann aber denke ich daran, dass wir morgen früh die Messe feiern könnten und damit die Vergebung in der Messe stattfinden könnte. Statt um Halb Acht sollten wir uns halt um Sieben Uhr treffen und das Frühstück mit der Messe beginnen.

Die Idee fällt auf guten Boden. Die Mädchen kommen früher als geplant aus den Betten und richten den Tisch her. Da ist das letzte gewebtet Tuch Veronikas, es dient als Tischdecke, ist dicht gewebt, mit den leuchtenden Farben von Rot und Weiss und bringt all die Figuren zum Vorschein, die man in ihrer Kultur kennt. Dann bringt fast jeder etwas besonderes an den Tisch: Esteban eine Reihe von Fotos seines verstorbenen Vaters, Veronica das Bild von ihrer verstorbenen Mutter, die Jüngste das Bild der Guadalupe von Mexico und die Ältere die Kerze und Blumen. Wir feiern zusammen unsere Freundschaft, denken an die Kranken und Verstorbenen, denken an unsere Sorgen, sogar an Nancy und den kleinen Carlitos denken wir. Mit neuem Mut beginnen wir dann den Tag und die Sonne tritt aus dem Altiplano hervor und erwärmt den Wintermorgen.

Begegnung mit Elisa
Ich bin wieder zurück in Titicachi. Ich gehe den Weg von der Krankenstation hin zu meinem Haus, ich gehe die Strasse entlang, auf der sehr viele Leute unterwegs sind. Ich grüße die Schüler, die unterwegs sind, ich grüsse die Händlerin, die in ihrem Laden, der direkt an den Strassenrand gebaut wurde, einen Kunden bedient, Und ich sehe Elisa, die Mutter Adhemars, mit einem kleinen Sohn auf mich zukommen. Ich begrüsse sie mit Handschlag und sie bleibt stehen. Sie lässt ihre Hand in der meinen und so bleiben wir auf einen Plausch am Strassenrand stehen, es gehen wenige vorbei, wir grüssen aber wir unterhalten uns tief. Ich frage sie, Wie es ihr wohl geht, und sie antwortet, dass sie in Trauer sei, dass sie von dem Schicksalsschlag nicht loskommen kann. Ihr Gesicht ist hübsch, aber die Spuren des Lebens haben sich eingegraben. Dennoch, das ganze Gespräch über bleibt sie eher lächelnd, und sie schaut mir ohne Scheu in die Augen. Der Kleine, der um uns herumgelaufen ist, hat sich niedergekauert und spielt im Staub der Strasse und im Gras. Er unterhält sich von alleine und stört uns nicht. Ohne dass ich viel fragen muss, erzählt sie so manches aus dem Leben ihres Sohnes. „Adehmar war intelligent, er war ein guter Schüler, er hatte auch gute Noten, aber irgendwann einmal begann es bei ihm auszusetzen. Da wollte er nicht mehr lernen, er wollte auch auf eine Schule wechseln, wo es leichter zugeht. Sein Vater hat ihm das ausgeredet. Er hat ihn gebeten, doch im Colegio Uripampa zu bleiben, da hat ja auch der Vater gelernt und von da aus wurde er vorbereitet auf das Studium zum Lehrer. Aber Adhemar wollte nun einmal nicht mehr. Dann war da seine Liebe zu seiner Freundin, und irgendwann sind die beiden fort, haben die Schule gelassen und sind gegangen. Ich konnte ihn ja nicht anbinden. Er hatte seinen eigenen Kopf, dabei war er noch so jung. „ „Er hätte ja auch später noch das Abitur nachmachen können, das kann man ja nachholen.“ Elisa bejaht meinen Einwand und erzählt dann weiter: „Wir haben ihn dort beerdigt, dort wo er gestorben ist, man konnte seinen Leichnam nicht mehr nach hier überführen, denn er war ja schon eineinhalb Tage tot, ehe mein Mann dort ankam. Und das Mädchen hat mein Mann hierher gebracht“. Ich frage, ob sie schwanger sei? „Nein“, sagte Elisa, „sie ist nicht schwanger. Aber ich wollte sie an Stelle von Adhemar in die Familie aufnehmen. „ „Und was sagte denn dein Mann dazu?“ „Er war einverstanden, aber mein ältester Sohn hat sich dagegen gewehrt. Er wollte das jetzt noch nicht, er ist auch vor kurzem erst gegangen, seinen Militärdienst zu erfüllen, er wollte sich ablenken er mag nicht daran denken, dass sein jüngerer Bruder so ums Leben gekommen ist.“ Ich bewundere Elisa und ihren Mann, sie wollen das Mädchen, auf das ja auch ein Teil der Schuld fällt, in die Familie aufnehmen. „Wie gut, dass ihr so großzügig sein und das Mädchen nun in eure Familie aufnehmen wollt, vielleicht geht das später einmal.“ „Ja“, sagte sie, „aber auch ich werde fortgehen, gegen Jahresende. Ich mag nicht mehr hier leben.“ Ich verstehe und sage: „Ich kann mir vorstellen, dass dein Herz voller Trauer und voller Zerrissenheit ist.“ „Ja Padre“, sagte Elisa,“ wie ist das eigentlich, wenn mein verstorbener Sohn in den Himmel möchte, nimmt man ihn dort auf?“ Erst jetzt merke ich, dass wir uns auf Quechua unterhalten. Denn sie hat das Wort „janajpacha“ verwendet. Ich wende aber zuerst einmal ein: „du gehst davon aus, dass sich dein Sohn umgebracht hat, und das ist ja gar nicht der Fall, es war ja nur jugendlicher Leichtsinn.“ Und ich sehe sie prüfend an. Und fahre fort: „Gott ist die Liebe, und er hat ein großes Herz. Auch du hast ein gutes Herz, willst die Freundin deines Sohnes im Haus aufnehmen, andere würden gegen sie vorgehen, sie bestrafen lassen, oder sie beschimpfen. Gott hat ein größeres Herz als du, er verzeiht, er ist die Liebe.“ „Ja“ sagte Elisa,“ aber wenn Adhemar sich nun doch selbst umgebracht hatte, wird er dann in den Himmel aufgenommen?“. Ich hole tief Luft und erkläre: „Schau, Elisa, alle verständigen Leute müssen gegen die Tendenz zum Selbstmord angehen. Niemand sollte so verzweifelt sein, dass er sich umbringt. Somit sagt man, wer so etwas tut begeht eine Sünde, eine schwere Sünde. Er lädt Schuld auf sich. Aber das sagt ein verständiger Mensch doch nur, um andere zu warnen, diesen Weg zu gehen. Gott ist kein böser Richter, er ist die Liebe. Er wird deinen Sohn so oder so aufnehmen, er ist die Liebe“. Elisa schaut mich dankbar an und ihr Lächeln wirkt fein und kommt aus der Tiefe ihres Herzens. Ich fahre fort: „Du könntest ja mal wieder in unseren Gottesdienst gehen, du weisst ja, am Sonntagmorgen ist die Messe, ich würde mich freuen, dich mal wieder zusehen, es würde dir guttun“. Und da muss ich erfahren, dass Elisa auch am Sonntag zum Gebet geht, aber nicht bei mir, sondern bei den Pfingstlern. Ich setze aber nochmals nach: „Auch wir beten am Sonntag und du kennst doch den Weg“. Wir lassen langsam die Hände los, ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange. So einen Wangenkuss gebe ich meist nur in der Hauptstadt bei Bekannten, für die das selbstverständlich ist. Einer Indianerfrau einen Wangekuss zu geben, das geschieht äusserst selten. Aber diesmal kommt es mir vom Herzen und ich stehe dazu. Sie freut sich sehr darüber, und sie vesteht meine Emotion. Dennoch sieht sie sich vorsichtig um, ob niemand diesen Wangenkuss gesehen hat, lächelt mir dann freundschaftlich zu, nimmt ihr Kind an die Hand und geht weiter auf der Strasse.

Wo ist Nancy?
Ich rufe Eulogia an und frage nach Nancy, und nach ihrem Kind. Mit Bedauern muss ich hören, dass sie bei Dunkelheut aus dem Haus gegangen ist, sogar mit ihren beiden Kindern. Die Mutter hatte sie schlecht behandelt. Sie hatte sie geschumpfen, und Nancy hatte geweint. Während die Mutter dann zu Eulogia gegangen war, um sich dort auszusprechen, war Nancy mit den beiden Kindern und ihren Sachen aus dem Haus gegangen und seitdem verschwunden. Man sagte sie sei nach La Paz gegangen, dort habe man sie gesehen. Sie sei vielleicht in die Yungas gegangen, aber genaueres wisse man nicht. Sie habe kein Celular, keinen Handy, man kann sie also nicht erreichen.

 Ich bitte Eulogia, mich weiter zu informieren über das Verbleiben von Nancy, und wenn die junge Mutter Hilfe brauche dann soll sie sich an mich wenden. 

Ein schwacher Trost, denn wie sollte sie das erfahren, gerade jetzt, wo sie wohl am meisten Hilfe braucht? Ich trauere im Inneren, und frage mich, was ich falsch gemacht habe? . Aber ich hatte nur gute Intentionen. Was bleibt mir anders als zu beten? Was ist das etwas großartiges Beten zu können! Und den kleinen Carlitos, den ich habe segnen dürfen, dem bringe ich seinem Namensvetter vom anderen Ufer, dem großen Vorbild Charles de Foucauld, nochmals nahe.