Weihnachtsgeschenke

Ich sitze im Auto und schaue meine Yahoo-mails an, das tue ich in Ticamuri, ca. 2 km von Titicachi und in Sichtweite der Antenne von Mollo. Laureana nähert sich mir, ich mache das Fenster auf, sie weiss was ich mit dem Laptop tue und fragt nicht erst. Sie bittet um eine Hilfe und ich schaue sie ernst an, was da wohl kommen mag? Ihr Problem ist , dass ihr Sohn das Studium fertig hat und jetzt Arbeit sucht. Ich frage und möchte erst einmal wissen, ob ihr Sohn nun das Abitur erreicht hat oder was sonst? Sie sagt er hätte an der Staatlichen Universität vom EL ALTO Landwirtschaft studiert und suche nun als angehender Angronom nach Arbeit, ob ich da nicht helfen könne? – Nein, da kann ich nicht helfen, da muss er wohl sebst nach dem Rechten schauen und ich wünsche ihm viel Glück bei der Suche. „Und dir auch „herzlichen Glückwunsch“, denn dein Sohn hat das Studium erfolgreich hinter sich gebracht“. Sie lächelt ein wenig und gibt mir die Hand, und geht weiter.

Ich arbeite im Auto und um das Auto geht der Wind, mal ein wenig Sonne,mal ein paar Tropfen Regen. Als ich den Computer abschalte, steige ich aus dem Auto und sehe eine junge Indiofrau in der Nähe stehen. Ich bewege mich auf sie zu, es ist Monika, ehemalige Abiturientin unserer Oberschule, die mir vor ein paar Tagen in der Kirche ihren Mann vorgestellt hat und die strahlend berichtete, dass sie und ihr Mann die Pädagogische Hochschule abgeschlossen hätten und nun in den Ferien hier auf dem Land ein paar Wochen verbringen. Monika steht neben einem Bündel Reisig und Holz und auf dem vom roten Umschlagetuch gebündelten Holz ist der Radio zu sehen
„Was tust du hier?“ frage ich. Sie lacht und antwortet: „Ich suche meine Schafe.“
„So hütest du jetzt Schafe, ich dachte du bist Lehrerin“. „Bin ich auch, aber ich kann doch in den Ferien das tun, was ich als Kind immer getan habe“. Dann frage ich: „und wie war das mit dem Studium, 5 lange Jahre. Dein Vater hat dir geholfen?“ Sie schüttelt den Kopf, „Wir sind zu sechst zu Hause und es reicht nicht für alle. Mein jüngerer Bruder Ivan hat dieses Jahr seinen Ingenieur im Computerfach erfolgreich abgeschlossen, der kostete eine Stange Geld. Und dann ist meine kleinere Schwester in einem Studium für Hotelfach und Küche, und auch das ist sehr teuer.“
„Wie hast du dann studiert?“, frage ich neugierig weiter. „Von 9 Uhr morgens mit mittags um 1 Uhr war Unterricht. Ich bin dann um 2 Uhr zu einer Frau gegangen, die ein Restaurant unterhält. Der habe ich in allem geholfen, in der Küche, beim Bedienen und beim Saubermachen. Und da bekam ich im Monat 1200 Bolivianos. Und die Arbeitszeit war von 2 Uhr bis 10 Uhr nachts.“
„Ja, und wann hast du deine Aufgaben gemacht, wann hast die Examen vorbereitet?“
„Oh, ich habe dann in meinem Zimmer studiert bis um 3 Uhr morgens, manchmal sogar bis 4 Uhr. Und von 4 Uhr bis um 8 Uhr habe ich dann geschlafen. Es geht,“ fügt sie auf meinen fragenden Blick hinzu, „man gewöhnt sich daran. Der Körper hält das durch.“
„Andere“, sage ich, „sind daran aber krank geworden.“
„Wir nicht. Ich und mein Mann wir haben uns gegenseitig geholfen. Er war ein Jahr im Studium voraus und als unser Geld knapp wurde, hat er sein Studium ein Jahr unterbrochen und hat auf dem Bau als Hilfsarbeiter gearbeitet. Und da hatten wir wieder genügend Geld in der Kasse und haben jetzt vor 2 Monaten das Studium abgeschlossen. Jetzt brauchen wir nur noch Arbeit als Lehrer, aber ich bin fest überzeugt, dass wir beide Arbeit finden werden.“
Es kommen ein paar Schafe auf uns zu. „Das sind die Schafe meiner Schwiegermutter,“ sagt sie, „Es ist Zeit nach Hause zu gehen.“
Sie holt ihr Bündel, wirft es mit einem eleganten Schwung auf ihren Rücken, nimmt das kleine Radiogerät in die Hand, sie streckt mir die Rechte entgegen und verabschiedet sich selbstbewusst und optimistisch.

Ich denke an Schafe und Hirten und an das Kind in der Krippe. Es ist ja heute auch der 25 Dezember. Und meine, das was ich in der letzten Stunde gehört habe, ist ein großes Geschenk an mich und an uns
Als wir vor 4 Jahrzehnten hier antraten, waren die meisten Indianer Analphabeten, viele Kinder waren da aber ohne Aussicht auf Segundarschulen, ohne Perspektive fürs Leben. Und von der Pfarrei aus haben wir eine Menge junger Menschen beim Studium geholfen und helfen immer noch. Und nun studieren die jungen Leute (mit Hilfe der Pfarrei oder ohne uns) und haben Zukunft. Früher verachtete man die Menschen aus unserer Provinz, jetzt nehmen ihre Kinder und Jugendliche teil am Aufbau des Landes. Und erstaunlicherweise gelingt es vielen, einen Uni-Abschluss zu erreichen, der ihnen ein Platz im Leben sichert. Und ich bin dankbar für dieses Weihnachtsgeschenk.

Und grüsse euch herzlich,Euer Max Wolfgang