EINFACH NUR ERZÄHLEN III

Eine Witwe wird betrogen
Ich habe wieder einmal einen Treff mit den Firmlingen geplant und da treffen wir uns am Samstag morgen mit den Jugendlichen, die Katechese halten und sehen uns einen Film an, besprechen ihn und gehen wohl mit neuen Erkenntnissen auseinander. Dazu lade ich Cecilia ein, eine Witwe, die mir bei Kursen immer die Küche übernimmt. Sie kommt auch morgens sehr frühzeitig zum Kurs und sieht sich in der Küche um. Dann aber holt sie einen großen Umschlag mit Papieren aus ihrer Tragtasche und beginnt zu erzählen. „Ich war“, sagte sie mit Erregung, „aufgewacht, es begann Tag zu werden, da kam David , der Pastor der Pfingstler zu mir in den Hof und erklärte mir, dass das Gelände das neben meinem Haus liegt und das ich vor Jahren gekauft habe, nicht mir gehöre, denn ich habe es von einem falschen Mitglied der großen Familien gekauft. Es gehöre nicht Mauricio, dem Sohn der alten Leute, die neben mir wohnten, aber nun verstorben sind, sondern einer seiner Schwestern, und die habe es seiner Frau Calara (die quechuas trennen den Umlaut CL und sprechen nicht Clara, sondern „Calara“) , eine Schwester von Mauricio abgetreten. Es sei sinnlos sich zu ärgern oder zu den Autoritades zu gehen, denn das Gelände gehöre seiner Frau und wir werden das ab jetzt bebauen. Ich war noch gar nicht richtig aufgewacht, und rieb mir die Augen, ob ich träumte, und siehe da, neben mir auf dem Acker waren Leute da, die im Morgengrauen den Acker bestellten. Und dort war nun auch eine Yunta das sind zwei Ochsen auf dem Acker, David, der Pastor, ging dorthin und spannte sie ein und begann zu pflügen. Es waren sieben Leute auf dem Acker, vier Frauen und drei Männer und ich habe ohnmächtig zugesehen, dass man meinen Acker neben mir umpflügte und rasch etwas säte. Ich habe bemerkt, wie sie den Rest meiner Maisernte aus dem Boden rissen, mir die Maisstengel auf den Rain und Wegrand legten und mich mit drohenden Blicken ansahen. Ich war sprachlos, meine beiden Kinder, die mir noch geblieben sind, die standen neben mir und weinten, und es dauerte etwa zwei Stunden, ehe der Spuk vorbei war, da haben zusammngepackt und ich habe noch versucht mit Calara, der Frau von David zu sprechen, sie ist ja die Hauptverantwortliche für diese Tag, denn sie ist die älteste Schwester jener Familie und sie hat das große Wort“. Ich hörte aufmerksam zu, fragte nach, wollte mehr wissen. „Und wann hat dir denn dieser Mauricio, der jüngere Bruder von Clara, den Acker verkauft“, frage ich, Cecilia antwortet: „Das war so, Padre, da hat der Mauricio oben hinter dem Colegio, einen Acker bestellt, und wir sassen zusammen, denn ich hatte daneben ein Stück Land und wir haben es zufällig gleichzeitig bebaut. Und Mauricio sprach von einer Operation am Fuss, die nun bei ihm fällig sei und da brauche er Geld, er wolle den Acker verkaufen, der nun das Streitobjekt ist. Ich“ , sagte Cecilia, „hörte gut zu, keiner seiner Schwestern, weder Calara noch eine andere Schwester wollten das Land kaufen. Ich ging am nächsten Tag zu Mauricio und bot ihm an zu kaufen, wir wurden uns über die Summe einig und er zeigte mir das Testament mit dem Vermerk, dass er der alleinige Erbe diese Stück Landes sei, nicht seine Schwestern. Ich kaufte das Land und habe es die letzten zwei Jahre bebaut, es liegt so praktisch neben meinem Haus und mein ganzes Geld habe ich dorthin investiert. Nun wollen sie mir nicht einmal das Geld zurückgeben“. Ich denke nach und sehe den Pastor der Pfingstler seine Ochsen einspannen und einer Witwe das Land wegnehmen, pflügen und säen und die Witwe schaut mit ihren zwei Kindern vom Wegrand oder sogar von der Haustüre zu, wie ihr der Acker weggepflügt wird. Ich frage: „Hast du ein Schriftstück, das dich unterstützt?“ , sie zeigt es mir sofort. Es ist im hiesigen Stil und mit kaum leserlicher Schrift verfasst, und sagt, dass es um einen Ackerkauf geht, dass Mauricio der rechtmässige Besitzer ist und dass 1900,- Bolivianos (ca. 200,-€) der Kaufpreis ist, den Mauricio zu seinen Gunsten erhält. Ich setze hinzu: „Du müsstest zu den Autoridades gehen und dich dort beklagen“. „Das habe ich getan, der eine, Max A. der Sullka Kuraka, sagte mir, dass ich wiederum den Acker pflügen sollte und von neuem sollte ich dort säen, als wäre nichts geschehen. Aber ich bin ja nur Witwe, wenn denn mein Mann hier wäre, und mein ältester Sohn, dann hätten sie sich das nicht getraut“. Es geht mir nach, Cecilia hat ihren Mann bei einem üblen Autounfall verloren, der von einem Fahrer der Pfarrei verursacht wurde, und bei einem Absturz von einer engen Landstrasse wurden drei Männer tötlich verletzt, darunter ihr Mann. Seitdem stehe ich Cecilia ein wenig zur Seite, um ihren Söhnen beim Studium zu helfen. Nun aber entsteht so ein Problem. Mir geht dieser Satz vom Jakobusbrief durch den Kopf: „Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott dem Vater besteht darin: Für Witwen und Waisen zu sorgen wenn sie in Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.“ (Jak 1, 27)

Und nun, so kurz nach unserer guten Begegnung mit David bei der Beerdigung seiner Schwägerin, und nach meiner Einwilligung, seine Missionstage zu unterstützen und seine Gäste im Pfarrhaus aufzunehmen, nun klaut er einer Witwe, die sogar noch in gutem Kontakt zu mir steht, den Acker. Und seine Frau Calara hatte Cecilia sehr bedroht, sie wolle sie von der Böschung hinunterstoßen, (was ganz sicher schwere Verletzungen mit sich bringen würde) und sie würde ihr Blut wie Wasser fliessen sehen. Ausserdem, über die Rückerstattung des bezahlten Geldes wurde nie gesprochen. So wurde also der gekaufte Acker von den Schwestern und Brüdern des Mauricio willkürlich enteignet, ohne Erlaubnis wurde abgeräumt und neu gepflügt und gesät, und dazu hatte David eine Gruppe an Getreuen, die sich auf die Beine machten, um einer Witwe den rechtmässig gekauften Acker abzunehmen. Cecilia war sehr erregt, als sie mir all das erzählte. Ich versprach ihr, in dieser Sache zu helfen. Sie wollte schon zu den Autoritäten, aber Max A. Sullka Kuraka meinte, er sei mit David durch die Hochzeit seines Sohnes verwandt geworden. Und so leicht könne er diesen Streit nicht schlichten.

Viehmarkt in Titicachi
Am Tag darauf, Sonntag hielten wir die Messe im Freien, auf dem Fussballplatz, auf dem auch ein paar Kühe und Esel angebunden wurden. Es wurde ein neuer Viehmarkt eröffnet, es gibt in der ganzen Umgebung keinen Viehmarkt und so hatten die Leute die Idee, diesen Markt hier in Titicachi zu beginnen. Als Tag der Eröffnung wurde der Sonntag nach dem Hl Jakobus gewählt, denn da der Heilige in den Anden gerne als angreifender Ritter auf einem Schimmel mit Schwert in der Hand und unter des Rosses Füssen mit einen besiegten Moro (Mauretaner) dargestellt wird, konnte der Heilige Jakobus sehr wohl als der Schutzherr der Pferde und der anderen Vierbeiner und somit auch der Schutzherr des nagelneuen Viemarkts in Titicachi werden. Es kam sogar der Alcalde, der Bürgermeister, der hier sehr verehrt wird, denn er ist der Chef über viele Dörfer, und verwaltet eine für hiesige Verhältnisse riesige Summe an Geld. Er kommt meist mit vielen Mitgliedern seines geblähten Verwaltungsapparates und mit drei Stadträten, die zu seiner Partei gehören und ihm beim Regieren helfen. Und so feierten wir in knalliger Wintersonne auf dem Sportplatz die Hl Messe, und der Alcalde mit seinen Stadträten stellte sich mit dazu.

Nach der Messe werden wir eingeladen zum Essen. Die Frauen von Titicachi haben sehr gut gekocht und zum erstenmal sehe ich das vor 2 Jahren erbaute Gemeindezentrum, das sie „Centro Cultural“ genannt haben. Das war auf einem spitz zulaufenden Gelände gebaut, das ebenfalls David bitter ernst beanspruchte. Er war damals nach der Landreform ein junger Mann und gründete zusammen mit einem anderen den Marktplatz von Titicachi, lies eine Menge von Bauplätzen auszeichnen, (Bauplätze die ca. 16 auf 25 Meter Größe hatten) und indem er sich auf seine Funktion als Gründer der „Plaza Titicachi“ berief, beanspruchte er auch diesen spitz zulaufenden Bauplatz. Er ging mit seinen Ansprüchen damals bis in die Provinzhauptstadt Chuma ans Gericht und liess sich auszahlen. So leicht war ihm nichts aus dem Sinn zu bringen, damals aber gelang es – unter Bezahlung einer Entschädigungssumme - dieses Gelände freizuhalten und mit dem „Centro Cultural“ zu bebauen. Wir sitzen sehr bequem drinnen und werden bedient. Es gibt Hähnchen, Salat und auch sehr viel Limonade, dann aber auch Bier. Man übergeht mich beim Austeilen des Biers, wohl meinend, dass mir meine Religion ein Glas Bier nicht erlaube. Aber beim zweiten Durchgang der Bedienung, erhalte ich ein Glas voller Gerstensaft und geniesse das als Abshluss eines schmackhaften Mittagessens. Dann aber wird auch Koka ausgeteilt und viele bedienen sich freudig. Es ist Zeit mit dem Alcalde, einem ehemaligen Grundschullehrer zu sprechen und ihm anerkennend zu sagen, dass er nun wirklich der erste Alcalde unserer politischen Gemeinde sei, der die 5 Jahre seiner Amtszeit positiv durchgestanden hat, denn alle seine Vorgänger hatten nur kurze Perioden, die meisten wurden nach einem Jahr gestürzt und zwei davon landeten sogar im Gefängnis wegen Korruption. Nachdem ich eine gewisse Zeit mit dem Alcalde ein gutes Gespräch führen konnte, begannen die Leute sich fürs Essen zu bedanken, das ist dann so: Ein Mann steht auf, spricht mit lauter Stimme das Wort „Gracias“ und begrüsst mit der Hand alle im Umkreis, die Leute antworten mit „buen provecho!“, zu deutsch: „Wohl bekomms!“, sofort nachdem der erste geendet hatte, standen viele der Reihe nach auf und bedankten sich mit lauter Stimme auf dieselbe Weise.

Mauricio berichtet
Die Leute verliessen den Saal, das Essen war zu Ende, auch ich trat auf die Strasse und entdecke gleich vor mir Mauricio, und lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen: Ich begrüsse ihn mit Handschlag und dann frage ich ihn nach den Vorfällen im Acker, der doch einmal ihm gehörte und den er Cecilia verkauft hatte. Mauricio ist sehr erschrocken und antwortet mit gleich mit viel Information, er sei im Besitz des Testamentes, es sei eine Lüge, dass seine andere Schwester , die jüngste von allen, diesen Teil des Ackers bekäme, vielmehr habe er es erhalten und er werde kommen und mir das Testament zeigen. Ich bitte ihn darum, und sage ihm, dass ich doch sehr besorgt sei über die ganze Sache, man kann doch nicht Pastor einer evangelischen Freikirche sein und gleichzeitig einer Witwe den Acker wegnehmen. Mauricio kam am Tag danach und wir setzten uns abseits, um in Ruhe zu sprechen.
Er erklärt, dass er der Erbe dieses Ackers wurde durch den Willen seiner Eltern. Aber er erklärt auch, dass Calara und David nun sehr hinter diesem Acker her seien, denn er würde ihnen passen weil eben David dort seine Kirche gebaut habe, und nun viele Leute anzieht, Und dann zieht er zum Beweis das Testament hervor, das sein Vater und seine Mutter vor ihrem Ableben mit den Kindern gemacht haben, richtig es sind alle Kinder und deren Unterschriften darauf. Und sie werden alle auch von den Eltern, die ja über 80 Jahre geworden waren, mit einem Stück Land bedacht, ich sehe die handschriftliche Dokument durch, jedes der 8 Kinder sind dort aufgezählt alle erhalten ihren Teil. Ich gehe gleich zum Sohn Mauricio und finde dort auch den Hinweis, auf „Achoja“, was so viel heißt wie Acker direkt am Haus. Und da steht nur sein Name, einen kleinen Teil erhält aber seine Schwester , die älteste von allen, die Calara genannt wird. Sie erhält von der Achoja nur 15 Furchen, unten an der Strasse. Der große Teil fällt also dem Mauricio zu. Der Eingangssatz des Testaments ist interessant, er sagt: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, ich erkläre hiermit mit meinem Freien Willen dass ich folgende Äcker meinen Söhnen und Töchtern geben will. Ich und meine Frau sind katholisch und wollen im Friedhof von Titicachi beerdigt werden“. Da wusste der alte Vater wohl schon von den Versuchen des David, seine Freikirche auszubauen. Schade, dass unser Fotokopierer zur Zeit ausser Betrieb ist und in La Paz repariert wird. Ich hätte gerne eine Kopie machen lassen, aber das geht nicht. In ganz Titicachi und zwei Fusstunden im Umkreis gibt es keinen weiteren Kopierer. Wir einigen uns mit Mauricio, dass wir uns vor den Autoridades treffen werden und dann die Sache ins Reine bringen wollen, wenigstens sollten wir darauf dringen, dass das Geld an Cecilia zurückbezahlt wird. Und Mauricio erklärt seine Situation: „Es sieht aus als wäre ich nun ein Betrüger, denn man sagt mir nach, ich hätte keine Papiere, aber hier sind meine Dokumente. Und weshalb habe ich wohl diesen Acker verkauft, ich brauchte Geld, denn ich wurde operiert und brauchte das Geld für die Behandlung. Durch den Verkauf des Ackers habe ich das Geld erhalten, um meine Gesundheit wieder zu erlangen, das war der ganze Grund. Und Gott sei Dank, hat mir Cecilia dieses Geld gegeben und keiner meiner Familie hat diesen Acker gewollt. Ich habe allen diesen Acker angeboten, aber sie haben nicht gewollt. Sie hatten damals keinerlei Interesse dafür.

Unterhaltung mit Esteban
Ich wohne seit ein paar Wochen mit Esteban, der erfolgreich sein Abschlussexamen an der Uni La Paz absolviert hat und der nun hier bei uns eine große Wandmalerei herstellen will. Er ist selbst aus Titicachi und erzählt mir oft von seiner Kindheit, und wie er unter der Familie seines Vaters litt , wie stark dort der eine oder andere Onkel aufgetreten war um seine Ansprüche durchzusetzen, wie ungerecht die Verteilung war, als der Opa beerbt wurde und einer alles an sich riss, wie seine Mutter als Witwe mit vier Kindern sehr gelitten hatte unter einem anderen Mann, der damals Autoridad im Dorf war. Der war gewalttätig, er bedrohte seine Mutter und er wollte ihr einen vom Vater ererbten Acker zur Hälfte wegnehmen, dabei waren sie gerade dabei, dort ihr Haus zu bauen und sie brauchten jeden Quadrat-Meter Platz. Als ich die Bedrohung von Witwen höre, hake ich ein und erzähle ihr die Art, wie Cecilia, die Witwe eben jetzt vor ein paar Tagen um ihren Acker gekommen war, den sie doch bezahlt hatte. Und ich frage ihn, den jungen Studenten, der da oft revolutionäre Töne anschlägt, wenn wir über Politik sprechen und ich frage ihn um Rat: was soll ich denn tun, welche Schritte unternehmen? Wir sind uns klar, dass ich Cecilia helfen werde, bei den Dorfältesten den Streit zu schlichten und wenigstens an ihr Geld zu kommen. Und ich berichte Esteban, dass mich der Pastor David gebeten hatte, seine Besucher aus La Paz und Cochabamba, die allesamt Pastoren seien und hier eine Art Mission durchführen wollen, David hatte mich also gebeten, diese seine Besucher bei mir im Pfarrhaus aufzunehmen. Wir haben in unserem kleine Kurszentrum die besten Möglichkeiten, Fremde zu beherbergen. Esteban überlegt kurz und ist dafür, dass wir das Haus nicht öffnen sollten. Und ich bin ebenfalls seiner Meinung, Gründe dafür gab es ja genug, dann aber sage ich: „und wie, wenn wir doch anders handeln wollten, und einfach großzügig wären?“ Esteban hört aufmerksam zu. Ich beginne das Evangelium in Erinnerung zu rufen, denn Jesus sagte doch: „Lässt nicht Gott seine Sonne scheinen über Gute und Böse?, regnet es nicht auf allen Äckern auch auf den Äckern der Bösewichte?, warum sollte ich gehässig sein, weil man eben gehässig mit einer Witwe gewesen ist“. Ich halte inne – und setze hinzu: „aber es ist nicht schön, dass man auf diese Weise den Acker der Witwe genommen und sie so sehr bedroht hat.“ Dann sage ich noch: „Ich weiss nicht recht was tun, kommt Zeit, kommt Rat.“ Und wir beenden diesen unser Gespräch, das über dieses Tema geht: Die Witwen, sie sind das Objekt der Religion, sie sind der Prüfstein der Religion, wenn man ihnen beisteht in ihrer Not, tut man Gottesdienst, also ich werde mich bemühen, dass dieser Fall zufriedenstellend gelöst wird.

ACHACACHI
Eine katholische Schule im Sturmwind Um davon zu berichten muss ich in die Vergangenheit zurück blicken. Ich bin ja auch schon Jahre hier um nicht auch etwas an Vergangenheit zu besitzen. Und dazu gehört bei mir die Begleitung der Schwestern von Achacachi. Sie kamen aus Mexico vor 18 Jahren und haben sich in Achacachi, dem Zentrum der Aymaras in Bolivien eingewöhnt. Die Aymaras sind durchaus der größte Stamm unter den verschiedenen Nationen der Einwohner Boliviens,, das sich jetzt ein „Plurinationales Land“ nennt. Sie leben zwischen dem See – (Titicacasee) und der Cordillera Real, aber auch auf dem Altiplano bis nach Oruro und haben ganz Bolivien mit ihrem Unternehmungsgeist und ihrer Arbeitskraft auf Schwung gebracht. So sind sie ja auch in Santa Cruz, in den Yungas (tropischen Urwaldtälern) wo sie sich in der Landwirtschaft und im Coca Anbau einbringen, aber das Zentrum auf der Hochebene ist zweifellos Achacachi mit seinen 10 000 Einwohnern. Und Achacachi beherrscht die Ausfallstrasse in den Norden, wir müssen zwangsweise jede Fahrt nach La Paz dort durchfahren und bei der Ausfahrt versorgen wir uns immer mit dem knusprigen Weissbrot, „pan de batalla“ genannt, ( übersetzt: „Kampf-Brot“ ), und das Wort Kampf ist durchaus eines der Hauptwörter, das die Bolivianer der Hochebene kennen und benutzen, denn das Leben auf 3800 bis 4000 Meter Meerershöhe ist ein Kampf.

Es kamen drei Schwestern, die diese Herausforderungen angenommen hatten, gesandt von ihrem Orden, den Guadalupeschwestern, mit Sitz in Mexico. Sie selbst kennen aus Mexico den Umgang mit einheimischen Stämmen und wissen darum, dass die Arbeit mit den Indianern nicht immer einfach ist, aber einmal da, setzten sie ihr Vorhaben, eine katholische Schule in Achacachi aufzubauen, mit zäher Kleinarbeit durch. Sie suchten sich Arbeit, und ein Stadtviertel von Achacachi machte mit den Schwestern einen Vertrag. Die Verantwortlichen boten ihnen ihre Grundschule an, die ein wenig verlassen am Stadtrand doch schon zu einer 5 Klassigen Grundschule gewachsen war. Sie halfen auch in der Pfarrei, die von einem einzigen Pfarrer versorgt wurde, dabei hat die Pfarrei sowohl das Städtchen als auch viele umliegenden Dörfer zu versorgen, die auch an die 50 000 Einwohner zählen. Die Schwestern bauten mit vollem Einsatz und Hingabe die Schule auf. Sehr bald merkten die Einwohner, dass bei den Schwestern ihre Kinder gut aufgehoben waren, dass sie schon in der ersten Klasse Grundschule Lesen und Schreiben erlernten. Auch Schüler, die von anderen Schulen kamen, wurden im Nachmittagsunterricht der Schwestern auf Vordermann gebracht und ihre Leistungen stiegen sehr schnell an. Sehr bald fielen die Schüler der Schwestern bei Vergleichen zwischen den vielen anderen Schulen im Städtchen sehr positiv auf, und gewannen – gemessen an der geringen Zahl - sehr viele Preise und erste Plätze. Die Eltern waren sehr zufrieden damit, nicht aber die Lehrer, die sich daran gewohnt hatten, ihr Geld zu verdienen und auf ihren eigenen Verdienst und Vorteil zu schauen. Oft forderten sie auch von den Schülern Geldbeträge für dies und jenes, dadurch wurde die Schule für einfache und mittellose Bauern – die Mehrzahl der Bevölkerung – fast unerschwinglich. Auch dieser Brauch Geldbeträge von den Schülern zu fordern, wurde von den Schwestern unterbunden. Die ersten Jahre hatten die Schwestern nur Mühe mit den Lehrern, aber nicht unbedingt mit den Schulischen Behörden. Es funktionierten die Convenio Schulen ( dh Schulen in kirchlicher Trägerschaft) und die wurden auch respektiert von den Schulräten. Die Schwestern konnten sogar Unterricht geben und die Religionsstunden wurden vom Staat bezahlt, denn die Aufsicht über die Religionsstunden liegt bis heute noch bei der Diözese und dem Beauftragten des Bischofs für die Religionslehrer. Mit dem einzigen Verdienst konnten die Schwestern einen guten Teil ihrer eigenen Unkosten auffangen, aber lange Zeit blieben sie dennoch auf Hilfe von aussen angewiesen.

Aber es bahnte sich ein Umschwung im Lande an, der sogar von Achacachi selbst ausging. Da gab es einen Aymara Lider, der sich „Mallku“ nannte, dh: „Adler“ oder auch „Kondor“ , ein Name der aus der Aymarasprache stammt und die wichtigste Autorität bezeichnet. Der Mallku stemmte sich gegen die Pläne der kapitalistischen Regierung des Gonzalo Sanchez de Lozada, der das Wasser und alle Wasservorkommen im Land privatisieren wollte. Gony, so nannte man ihn, war ein in den USA aufgewachsener Bolivianer, der sich erlaubte, seine Ansprachen in einer unüberhörbaren amerikanischen Aussprache zu halten. Er war gewieft und kam sogar zweimal an die Macht. Mit diesem Privatisierungsvorhaben stieß er an seine Grenzen und er wurde im Laufe der kommenden Jahre aus dem Amt verjagt, vor allem durch die Resistenz des Aymara Volkes und der Großstadt EL ALTO, die direkt neben LA Paz auf der Hochebene liegt und vor allem von den Aymaras und Quechas besiedelt wurde. El Alto ist unser Bistum und unser Bischof hat dort eine schlichte Wohnung in einem einfachen Pfarrhaus einer der vielen Kapellen, die die Kirche zusammen mit der schnell wachsenden Stadt des EL ALTO aufgebaut hatte. Ich will nicht zu lange diesen Vortrag weiterführen, aber mir scheint, fürs Erzählen ist dieser Hintergrund wohl notwendig. Wie soll man sonst kapieren, was da am 12 Februar 2014 passierte? Da waren die Schwestern schon glatte 16 Jahre im Land und waren integriert im Strassenbild des Stadtviertels LEALTAD, so hiess und heisst immer noch dieses Stadtviertel und Lealtad heisst übersetzt schlicht und ergreifend (Stadtviertel) „TREUE“. Als die Schwestern merkten, dass es mit der Treue nicht allzu viel auf sich hatte, und weil sie die jahrzehntelange Arbeit in diesem Städtchen nicht aufgeben wollten, kauften sie neben der Schule des Barrios Lealtad Gelände auf, Stück für Stück, Acker für Acker und begannen, dort eine Schule zu bauen, die nun ihrem Orden der Guadalupanas gehören sollte. Sie schöpften aus ihrer Erfahrung mit Schulen in Mexico, sie haben dort sehr viele Schulen, private und katholische Schulen, und genau das war ihr Charisma. Die Schwestern wollten unterrichten und konnten dabei ihre Werte und ihren Glauben mit den Jugendlichen teilen.

Mariluz die Postulantin
Und es kamen auch Jugendliche zu ihnen. Ich entsinne mich noch, als die Schwestern noch in ihrem alten kleinen Haus lebten, das angebaut war an ein Kurszentrum, das einmal von den Maryknoll Sisters gebaut wurde. Das Haus stand leer, aber das Kurszentrum wurde benutzt für Kurse der Katechisten u.a. Und so hatten sie sehr bald Postulantinnen. Da waren sie also, die Mädchen aus den Comunidades (Name für Indianer-Gemeinde) die Achacachi umgaben, mit ihrem angeborenen Sinn für Transzendenz, für Gott, für ein Gemeinschaftsleben wo man als Jugendliche wachsen kann und wo Vertrauen herrscht. Vor allem sehe ich vor mir die 20 jährige Mariluz. Das Familienleben des Mädchens war zerrüttet, der Vater gestorben, die Mutter hatte sich mit einem anderen Mann zusammengetan und wollte ihre eigenen Kinder nicht mehr um sich haben. Also zog Mariluz mit ihrer Schwester aus, und sie die Ältere hat den beiden Jüngeren in ihrer Schulzeit geholfen. Die jüngere Schwester ging nach dem Abitur mit ihrem Freund nach Brasilien, von der rauhen Hochebene in die heißen Tropen. Mariluz, die älteste, schaute weiterhin zu ihrem jüngeren Bruder. Aber sie wollte auch in den Orden eintreten, und schon mit den Schwestern leben. Aber Mariluz, gefragt nach ihrem Abiturzeugnis, (die Voraussetzung für die Aufnahme), meinte wohl, dieses Abitur in der Tasche zu haben, aber sie konnte nur die Abschlussklasse, der damalige „Vierte Medio“ vorweisen. Als die Schwestern daran gingen, ihr Abiturzeugnis von der Behörde in La Paz erstellen zu lassen, kamen sie darauf, dass Margarete die zweite Klasse Medio übersprungen hatte. Nicht aus freiem Willen, es war einfach so, dass ihr kleines Dorf neben Achacachi auch eine Oberstufe hatte, in der es an Schülern fehlte. Und weil es im dritten Medio an Schülern mangelte, liess man sie, die Halbwaise, den 2. Medio glatt überspringen, um die Planstelle des Lehrers zu behalten. Da sie ein Mädchen war, das sowieso nur in der Landwirtschaft blieb und Kinder aufziehen würde, hielt man diese Massnahme für richtig. Für viele Aymaras ist das Wichtigste an der Erziehung: die Planstelle des Lehrers. Dafür ein Mädchen einzusetzen und ihr Schicksal im voraus festzulegen, war für die meisten überhaupt kein Problem. Wenn schon die allermeisten ohne Bildung waren, was brauchte gerade diese Halbwaise ein richtiges Abitur ? So musste Mariluz nun das Abitur nachmachen, und es gab die Gelegenheit in Abendkursen auf einer Erwachsenenbildungsschule zu studieren, wo man in einem Jahr die 1. und 2. Stufe des Medios erreicht, und in einem zweiten Jahr die 3. und 4. Medio. Nebenher gab sie Religionsunterricht in der Grundschule der Schwestern und erhielt dafür eine Bezahlung. Mariluz hielt durch, sie wollte immer noch Schwester werden und sie erreichte das Abitur. Die Beziehung zu ihrer Mutter war schlecht, aber zu ihrem Stiefvater war sie mittlerweile recht gut, der Mann hatte ein gutes Herz und verstand nicht den Neid, der die eigene Mutter plagte, die ihrer Tochter den Eintritt bei den Schwestern nicht gönnte. Sie wollte sie vielmehr um sich haben, um sie zur Arbeit anzuhalten. Aber der gute Stiefvater wurde krank und starb zu früh. Die Mutter suchte sich einen neuen Mann und kämpfte sowohl um diesen neuen Mann als auch um das Schicksal ihrer Kinder. Als Mariluz nach bestandenem Abitur sich aufmachte um Religionslehrerin zu werden, erhielt sie ein Stipendium und musste zum Studium fort an ein Städtchen auf der anderen Seeseite. Mariluz konnte dort eintreten und das Studium beginnen. Wir haben ihr das Studium finanziert. Aber die Mutter besuchte sie und zwang sie mit ihr zurück nach Achacachi zu kommen. Mariluz war in Krise, aber sie entschied sich dafür ihrer Mutter zu gehorchen und sie kehrte mit ihr nach Achacachi zurück. Somit vergab sie ihren Studienplatz. Sie lebte mit ihrer Mutter und arbeitete auf dem Feld. Sie vertröstete sich und wollte das Studium ein Jahr später beginnen. Aber im darauffolgenden Jahr hatte diese Hochschule ein Antrittsexamen eingerichet und dieses Examen konnte sie leider nicht bestehen. Wir konnten ihr, diesem Waisenkind, das den Lebenskampf zu spüren bekam, in dieser Zeit helfen. Ihrem 4 Jahre jüngeren Bruder konnten wir einen Zuschuss geben bis er das Abitur erreicht hatte.. Mariluz unternahm noch einen zweiten Versuch in die Ordensgemeinscahft einzutreten, aber es reichte nicht und sie kam über die Zeit des Postulantats nicht hinaus. Vielmehr übernahm sie die Äcker und lebte von der Landwirtschaft. Die Bauern und Autoridades, die das fleissige junge Mädchen akzeptierten, gaben ihr, der jungen Frau die Äcker ihres eigenen Vaters, und so wurde sie in ihrem Heimatdorf eingemeindet. Sie kümmerte sich jetzt um ihre Scholle und erfüllte die Rechte und Pflichten einer Bäuerin auf 3800 Meereshöhe. Als Bäuerin hatte sie weniger Zeit und so sind die Kontakte eingeschlafen. Aber wenn ich zurückschaue, dann sind es Erinnerungen an Menschen wie Mariluz und die Pionierzeit der ersten Schwestern, die mein Herz wärmen.

Die Härte des Lebens führte dazu, dass einige Mütter (oder Väter??) neugeborene Kinder in einer Kloake aussetzten, die Schule der Schwestern von der Pfarrei trennten. Wenn so ein Neugeborenes gefunden wurde, wurden sofort die Schwestern benachrichtigt und die holten dann den Säugling, der in Lumpen gehüllt oder in einem Plastiksack gewickelt die Stunden der kalten Nacht lebend überstanden hatte. Die Schwestern nahmen sich der Babys an und brachten sie fast alle durch. Nach ein paar Tagen übergaben sie die Babys an ein Waisenhaus in El Alto. Andere Ordensschwestern zogen sie auf, ehe sie zur Adoption freigegeben wurden. Einmal, so erzählte mir eine der Schwestern, sei sie sehr erschüttert gewesen. Wieder hatten sie ihr ein neugeborenes Baby gebracht, und hatten es gepflegt, mit neuen Babykleidern versehen und gut gefüttert, es ruhte friedlich in seiner Wiege, bei Ordensschwestern. Und da klopfte ein junges Aymara Mädchen an der Türe und bat, das neugeborene Baby sehen zu dürfen. Die Schwester begleitete dieses Mädchen zu dem Baby und stand still neben der blutjungen Frau. Die rührte das Baby nicht an, aber eine große innere Erregung war ihr anzusehen. Dann riss sie sich los von dem Anblick des Kindes und ging mit Tränen in den Augen aus dem Raum und aus dem Haus. Sie kam nie mehr zurück zu den Schwestern, aber wahrscheinlich war dieses Mädchen die Mutter des Babys und wollte es einfach lebend sehen. Zum letzten Mal. Wer weiss welches Schicksal diese junge Frau hatte, dass die Dinge so verkehrt gelaufen waren. Wer will sich zum Richter aufspielen?

{±Soziale Unruhen+}
Bolivien erlebte Zeiten des Umbruchs, und die allerersten , die sich erhoben, waren die Aymaras von Achacachi. Die erste Blockade war des Wassergesetzes wegen und sie dauerte fast vier Wochen und war im März 2000. Die Schwestern hatten nun ihr eigenes Haus (mit Hilfe von Adveniat ) gebaut und konnten von dort den Ort einsehen, an dem die Aymaras sich trafen und die Blockade nach La Paz kontrollierten. Dort trafen sich täglich Tausende von Personen. Alle waren überzeugt, dass die Privatisierung des Wassers ein Vergehen gegen die Landbevölkerung war und alle waren bereit, das ganze Land zu blockieren „bis zu den letzten Konsequenzen“. („hasta las ultimas consequencias“), ein geflügeltes Wort, das man oft in den Mund nimmt. Die Strassen war unpassierbar, das Altiplano blockiert, wir draussen auf dem Land konnten lange nicht in die Stadt, aber hörten eifrig am Radio mit, was da alles passierte. Das Land und die Herzen der Bevölkerung teilten sich. Viele waren für die Blockierer. Manche dagegen. Man rechnete auf, wie viel das Land an Devisen verlor durch jeden Tag der Blockade. Aber andere warteten auf einen Wechsel , auf eine Revolution, und darauf, dass das Volk an die Macht kommen würde. Die einfachen Bauern verloren nichts, ihre Äcker wuchsen von alleine und die Ernte kam sowieso. Sie liefen zu Fuss und hatten keine Maschinen, die still stehen würden. Es traf den reicheren Teil der Bevölkerung, es traf den Handel, Industrie und Transport. Aber auch die konnten warten. Schliesslich zog die Regierung das Wassergesetz von der Tagesordnung des Parlaments und strich es sang und klanglos. Und die Bauern, die Aymaras hatten einen Sieg davongetragen und der Lider dieser Tat war zweifellos der „Mallku“, der mit bürgerlichem Namen „Felipe Quispe“ hiess. Und sein Heimatdorf lag direkt am Titicacasee in Sichtweite von Achacachi.

Es kam im Jahr 2002 zu einer zweiten Blockade, die wiederum 3 Wochen dauerte, die Bauern von Achacachi wiederum unter der Leitung des „Mallkus“ marschierten auf die Stadt zu, und das sorgte für sehr viel Nerviosismus in La Paz. Die Aymaras drohten aber auch den Schwesternkonvent zu besetzen und die Pfarrei. Sogar die Kaserne wollten sie besetzen, aber das war aus strategischen Gründen unmöglich, denn dort hatte man sich gut vorgesehen, die Umfassungsmauer war hoch, schusssicher und allein der Versuch die Kaserne zu stürmen hätte wohl zu einem Blutbad geführt. Die Blockade traf das Land sehr schwer, bis an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Erst durch das Versprechen der Regierung, den Aymaras 1000 Tranktoren zu geben – kostenlos!, wurde die Blockade aufgehoben, aber zweiffellos hatten nun die Aymaras ein Instrument in die Hand bekommen, das hiess: Blockade! Sie die Armen litten nicht allzu sehr unter den Konsequenzen der Blockade, wohl aber die Wohlhabenden. Die waren verletzbar. Und es war klar, dass die Aymaras sich nicht mit ein paar Traktoren zufrieden gäben, sondern dass sie mehr und mehr an die Macht gelangen wollten. Immer noch war der Mallku einer der führenden Lider, aber da nun diese Blockade auch in anderen Teilen des Landes durchgeführt wurde, kamen andere Leute zum Zuge und es bildeten sich andere Führerpersönlichkeiten heraus.

Der Besuch bei der Frei-Kirche
Es ist Samstag und ich bin eingeladen worden von David, seine Freikirche zu besuchen. Einige Leute haben schon hier bei uns übernachtet, aber es waren nicht die fünfzig, wie David voraussagte, wohl aber an die 10 junge Leute aus verschiedenen Teilen Boliviens. Wie ich später erfuhr gehörten sie zur Freikirche: „IGLESIA DE DIOS“ und das sagte mir vorerst nicht viel. Ich hatte Bedenken , in diese Versammlung einzutreten, einfach weil ich wusste, dass ich viele von denen, die wir auch unterstützen oder unterstützt haben, antreffen würde und dass diese dann erschrocken den Rest des Gottesdienstes über sich ergehen lassen würden. Dennoch, ich musste das einmal erleben. So laufe ich gelassen und festen Schrittes auf diese Kirche zu, eine einfache Kapelle, die dort neben dem Anwesen der Witwe Cecilia Platz gefunden hat, sie steht schräg am Hang, ist gut erreichbar von der Strasse aus und man kann von oben gut die ganze Gegend beobachten, ohne gleich identifiziert zu werden. Unten auf der Strasse spielen Kinder, Frauen kommen den Weg herunter, er ist breit genug, dass man auch gleichzeitig aufsteigen kann, oben auf einer schrägen Ebene ist der Vorplatz, gegenüber der Kapelle eine Küche, alles sehr einfach mit Tapial gebaut, alles ist Eigenleistung und schlicht. Ich treffe den Lehrer Carlos, er ist der Sohn von David und muss natürlich dort seine Aufwartung machen, aber er ist nicht in der Kapelle. In der Kapelle stehen sehr viele Menschen. David wurde wohl benachrichtigt, dass der Padre Max draussen vor der Tür steht. Bevor ich ihn begrüsse ruft man mir von der Küche her zu, ich solle absitzen und einen Teller vom Mittagstisch essen. Aber das schlage ich ab und sage, es ist drei Uhr nachmittags und ich habe schon gegessen, ich sage es entschieden, es ist ja wirklich genug, dass ich überhaupt komme und ich will jetzt nicht Zeit verlieren mit dem Essen und dem Ritual, das es umgibt. David nimmt mich mit ins Innere. Die Leute weichen erschrocken zur Seite, denn sie erkennen mich, aber die meisten sind beim Singen und bewegen sich im Rythmus eines Liedes. Man macht uns Platz und direkt komme ich nach vorne, wo ich die Akteure – die ja auch bei mir im Haus übernachtet haben - stehen. Ich begrüsse sie und ich darf mich auf das Podium, das einfach aus Erde erbaut ist, setzen und da habe ich nun Platz vor vier großen Lautsprechern. Ich kann nun aber in den Saal schauen, ich schätze ihn 12 Meter Länge und 6 Meter Breite. Es ist eine sehr einfache Kapelle, in der nun mehr als hundert Leute stehen, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer im mittleren Alte und auch alte Menschen. Alle stehen und schauen nach vorne zu der Frau die da das Mikrofon in der Hand hat und singt, sie hat eine gute Stimme, sie ist groß, etwas korpulent aber sie singt gut und sie singt voller Inbrunst, mit geschlossenen Augen wiegt sie rythmisch den Körper. Ich möchte zu gerne wissen, was sie singen, aber von meinem Sitzplatz aus werde ich von den Lautsprechern beschallt. Und da kann ich kein Wort verstehen. Aber noch singt die Frau ein weiteres Lied, ich halte mir die Ohren zu. Nun merke ich dass die große aufrechtstehende Frau nicht dick ist, sondern schwanger im 7 oder 8. Monat. Was muss die Frau für einen Glauben haben, dass sie so weit hierher kommt um das Wochenende in Titicachi am Ende der Welt zu verbringen. David wollte mir sofort das Mikrofon geben, ich soll sprechen und die Versammlung begrüssen. Aber ich hatte mir vorgenommen, erst zu zuhören, und später beim Verabschieden ein paar Worte zu sprechen, und man lässt mich gewähren. Ich brauche das wirklich, zuhören und spüren, in welchem Fahrwasser diese Freikirche schwimmt, ist sie trinitarisch?, wie steht sie zu Jesus Christus?, wie ist ihre Theologie?. Ein anderes Mädchen kommt und singt. Die Lieder dauern oft 20 Minuten oder länger, und da stehen die Leute, bewegen die Hände und kommen innerlich in Bewegung. Ich merke dass die Leute erregt sind, so wie sie es früher beim Alkoholkonsum waren. Nun sind sie Geist-betrunken. Die Lieder sind einfach, auch die Melodien sind sich ähnlich, sie sind rythmisch und gehen unter die Haut, der Kehrvers wird immerzu wiederholt und die Leute singen mit geschlossenen Augen mit. Bei einem neuen Lied wird der Lärm so groß, dass ich mir wiederum die Ohren zuhalten muss, es sind zu viele Dezibel, denn diese vier Boxen beschallen die kleine Kapelle und ich stehe direkt davor. Also, Ohren zuhalten, denn ich will ja auch in Zukunft noch anderen Leuten zuhören können. Man bietet mir aber einen Platz auf einem Stuhl an, der mich in etwa auf die Seite bringt und die Boxen schallen nicht mehr so in meinen Ohren. Ich sehe mich um, die Leute der ersten Reihe sehen mich, einige sind sehr erschrocken, dass der Padre gekommen ist, denn sie waren vorher bei mir im Gottesdienst und aktiv in der Gemeinde. Ich sehe hin zum Podium, das aus einer festgestampften Erde besteht, darauf steht ein Ambo, ein Pult, das dem Pastor dienen wird als Verkündigungsort. An der Wand sind die bolivianische Flagge und auch die Wiphala (Flagge der Aymaras besteht aus lauter kleinen Quadraten, die Farben sind wie ein Regenbogen). Aber kein Kreuz, keine Figur, keine Worte, nur die Flagge und darunter die braune unverputzte Erdwand. Ich bitte nun um ein Gesangbuch, um mitzulesen, was da gesungen wird. Man bringt mir sofort ein Liederbuch, ich blättere es durch, da sind jeweils zu einem spanischen Song auch ein Lied mit aymara Text dabei. Bislang hörte ich nur Lieder mit spanischem Text. Ich kann mitlesen, und freue mich darüber, dass da Christus besungen wird, sein Kreuz, die Vergebung der Sünden, aber es wird auch Gott gelobt, um Heilung gebetet, und auch die Hl. Trinität angerufen. Ich bin beruhigt, sie beten zum selben Gott wie ich auch, nur gehören sie nicht mehr zu meiner Kirche – oder doch noch auf irgendeine Weise bleiben wir verbunden wie Israel mit den Christen und vice-versa verbunden bleiben.

Ich beobachte die Musiker die Dank der Verstärkung den Raum beschallen. Es sind nur ein paar Musiker am Werk, da spielt einer das elektrische Harmonium, das Schifferklavier steht neben mir am Boden, es wird nicht benutzt. Die Trommel wird immer lautstark bedient und natürlich das Mikrofon, das bislang drei Frauen zum Singen verwendet hatten. Die Frauenstimmen reissen mit. Den Leuten vergeht die Zeit wie im Flug.

Eine Oma kommt in einer kleinen Pause zwischen zwei Liedern zu mir, nimmt meine Hände und spricht mir ins Ohr: Ich habe ihr ja so oft geholfen und sie hat Angst, mich als Anlaufstelle zu verlieren. Sie sagt mir auf Quechua, „du musst entschuldigen, dass ich hier bin, aber ich will doch gesund werden, ich habe doch immer so große Kopfschmerzen, seit ich hier bin, wird es viel besser bei mir, du darfst mir nicht böse sein.“ Das ist wohl der Gedanke von so manchen, die bei uns Unterstützung erhalten, aber zem Beten zur Konkurrenz gehen. Und Konkurrenz ist mir David allemal geworden.

Der Mann neben mir steht auf, es ist der Pastor, er leitet die Gruppe der von auswärts gekommenen Pastoren an und geht nun ans Podium und wird bald predigen. Der ist ein starkgebauter Mann mit tiefer Stimme, den ich zum erstenmal in Titicachi sehe, er beginnt seinen Vortrag mit vielen Aleluya, Amen, und Rufen, die die Leute zur Antwort auffordern. Wenn ich an meine Messen denke, wo doch auch gesprochene Gebete formuliert werden mit theologischem Inhalt, wo der Wortgottesdienst abläuft und von den einfachen Leuten nur zum Teil verstanden wird, kann ich gut verstehen, dass sie bei der Konkurrenz leichtere Kost erhalten. Nun will ich auf den Pastor hören, der seinen Vortrag beginnt. Er nimmt Galater 1, 1-13 und liest langsam vor. Er lässt nach jedem Satz einen Augenblick frei, und die schwangeren Frau übersetzt den Text simultan auf quechua. Die Frau ist sehr fit und übersetzt im Quechua-dialekt von Cochabamba recht genau. Man merkt ihr an, das sie Übung hat. Die Predigt ist einfach. Es geht darum, dass die Welt nicht auf Gott hört, dass sie seinen Bund nicht hält und seine Gebote übertritt. Dazu wird Genesis, ein Zitat der Geschichte Noes zitiert, ein Mann darf vorlesen, ich sehe zu, wie die vorderen Plätze von Leuten besetzt sind mit Männern, die die Bibel, ihre eigene Biblel in der Hand halten und eifrig blättern und dann auch den aufgerufenen Vers vorlesen, unter Emotion und mit lauter Stimme. Bei uns im Gottesdienst lesen nur junge Leute, die Abiturienten vor, und die sind vorher eingeplant und es läuft nach einem festen Schema ab. Der Pastor nimmt auch ein Zitat aus dem Römerbrief, dann aber nimmt er Mathäus das 16. Kapitel und er nimmt die Stelle (Mt 16, 13-16) wie folgt: „ was sagen die Leute über mich, den Menschensohn?“ Ich stelle fest, dass die beiden Texte auch bei uns Katholiken am selben Sonntag gelesen werden. Ist es Zufall, oder übernimmt diese evangelische Gemeinde die von der katholischen Kirche vorgeschriebenen Texte? „Einige sagen, du bist Johannes der Täufer, andere, Jeremias, oder einer der Profeten. Und Jesus fragte sie: Und ihr was sagt ihr über mich? Simon Petrus antwortet: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes:“ Ich bin gespannt auf die Interpretation des Textes, und tatsächlich, der Pastor verwendet diesen Text direkt auf sich, auf seine Gemeinde, und darauf dass alle Glauben haben sollten und Christus als den Sohn Gottes akzeptieren müssen, seine Gemeinde antwortet darauf mit „Amen“ , mit „Aleluya“ „Gelobt sei Gott“ und anderen stereotypischen Antworten.

Nach dem Diskurs des Pastors, der immer wieder eine Zeile der verschiedenen Bücher der Bibel aufschlagen und lesen lässt, unterstützt durch seine Dolmetscherin, die das alles schnell auf quechua übersetzt, kommt ein gemeinsames Gebet. Alle sprechen halblaut vor sich hin, jeder seine eigenen Gedanken und Wünsche, und so entsteht ein Gemurmel und Geräusch, das kaum etwas verständliches zu vernehmen ist. Der Pastor hat eine tiefe, schwere Stimme, sie ist verstärkt durchs Mikrofon er setzt sie dafür ein, dass Rythmus in dieses vielfältige Stimmengeräusch kommt. So sagt er immer wieder einfache Worte wie: „Gracia - Gracia - Gracia - Gott Vater – Hilfe – zwischen seinen Worten ist eine kleine Pause und es klingt in meinen Ohren wie das Geräusch von Meereswellen, die rythmisch am Strand auslaufen und deren Geräusch anschwillt und dann wieder verstummt. Das Gebet muss ein paar Minuten gedauert haben, alle haben sich da eingebracht, jeder seine Schmerzen geäussert, der Pastor hat mitgeholen, dieses Gebet zu strukturieren und nun beendet er das Gebet, lässt „Aleluya!, Amen!, Gelobt sei Gott!“ ein paarmal wiederholen und dann lässt er absitzen. Den Leuten ist die Emotion auf den Gesichtern geschrieben. Sie sind erregt wie sonst nur beim Konsum von Alholol. Ich hatte von solchen Versammlungen gehört, ich habe manches darüber gelesen, nun darf ich es selbst erleben. Und das noch in Titicachi. Kein Wunder , dass da unsere einfachen Leute mitgehen, ich sehe Jugendliche, Kinder, Witwen und Ich frage mich: Was soll ich hier tun? Wie komme ich hier weiter? Und so bitte ich den Geist, der ja nun in den Herzen der Anawim, der einfachen Leute von Titicachi wirkt, er solle auch mir beistehen mir die Worte in den Mund legen, die ich sprechen soll. Auf keinen Fall möchte ich jemand verletzen.

Eine bildhübsche junge Frau bekommt nun das Mikrofon und singt und kann die vielen Menschen in der Kapelle mitreissen. Wie ich erkennen kann ist die Missionequipe an die 10 Leute stark und anscheinend sind sie alle als Paare gekommen. Sie wechseln sich ab, die Musik ist laut und nimmt einen gefangen, die Sängerinnen haben gute Stimmen und reissen mit. Die Leute schliessen die Augen und wiegen sich im Takt und wiederholen Kehrverse dutzendemale. Ich selbst spüre, dass es viel wird für mich. Und ich merke auch, dass ich nun störe, Denn nach dem Auftritt der jüngsten Sängerin ruft der Pastor dazu auf, sich doch für die Taufe anzumelden. Man solle sich bitte bei ihm melden. Jetzt wird es Ernst und da gehöre ich nun nicht mehr her. Also bereite ich mich auf meinen Abschied vor, und ich bitte ums Mikrofon und darum, sprechen zu dürfen. Man gibt mir das Mikrofon und ich kann es sofort sehr gut verwenden, meine Stimme kommt ohne Geräusche gut durch. Ich spreche in etwa folgendes: „ ich bin nun 40 Jahre hier in Titicachi, und was mich bewogen hat, hierher zu kommen, ist dasselbe Motiv das auch euch bewegt: die Liebe zu Jesus Christus, zum Vater und zum Hl Geist. 40 Jahre sind eine lange Zeit und so meine ich, dass ich länger in Titicachi bin als die Mehrzahl der hier Anwesenden.“ Es gibt beifälliges Gemurmel, und bei den Besuchern von aussen ein erstauntes Geraune. Und ich füge hinzu: „Das erste Haus, das ich in Titicachi besuchte war das Haus von David Quispe.“ Daraufhin bekomme ich einen geräuschvollen Beifall. Ich fahre fort: „Ich glaube, ihr alle kennt das Vater Unser und betet es auch gerne.“ Man bejaht. „können wir es zusammen beten?“ Wiederum ein Bejahen und so lade ich die Leute ein aufzustehen und gemeinsam zu beten, ich reiche meine Hände nach rechts und links und schon haben alle die Hände ihrer Nachbarn ergriffen und wir beten gemeinsam und langsam. Am Ende spreche ich noch den Segen und ich weiss dass ich da zum Teil alleine sein werde, ich spreche: „ und es segne und behüte uns alle der Allmächtige Gott, der Vater Sohn und der Heilige Geist.“ Beim den Worten gehen sie noch mit, aber das Kreuzzeichen mache ich alleine. Dann gebe ich den Pastoren, die von auswärts kamen, die Hand, und wünsche einen guten Aufenthalt, nehme nochmals das Wort und lade alle auswärtigen Teilnehmer ein, zu mir in die Pfarrei zu kommen und bei uns zu übernachten. Dafür danken mir vor allem die Pastoren, die von weither gekommen waren. Als ich gehe, ist es fünf Uhr nachmittags. Ich war zwei Stunden in dieser Kapelle. Es sind noch immer sehr viele Leute dort. Ich verabschiede mich hier und dort und am Ende gehe ich langsam den Steig hinunter zur Strasse. Ich sehe drunten die Kinder im Kreise auf der Strasse sitzen, die Frauen der Pastoren spielen mit ihnen, bei einer Kindergruppe höre ich mit, dass die junge Betreuerin sagen lässt: Ich soll nicht lügen, ich darf nicht stehlen, ich muss meinen kleinen Bruder gut behandeln... Die Kleinen sind vielleicht 4-5 Jahre alt und plappern die Gebote eifrig nach.

Weiter unten treffe ich David auf der Strasse, er bittet mich doch zuürckzukommen und mit ihnen zu essen, aber ich will nicht mehr zurück, so sehr er auch drängt. Sein Sohn Vicente, vielleicht schon 18 Jahre alt, der die Grundschule nur bis zur 3. Klasse besucht hat, der – so sagte einer meiner jungen Leuten – der Sklave von David sei, der schiebt einen Schubkarren mit einem Sack Maiz an mir vorbei. Ich bitte ihn anzuhalten. David und ich gehen zu seinem Sohn. Der schaut mich misstrauisch an, aber da ich zusammen mit seinem Vater zu ihm trete, hält er inne und wartet auf meine Worte: „Höre zu, David“, sage ich „dieser junge Mann hat die Grundschule nur bis zur 3. Klasse besucht. Meinst du nicht er sollte nun in den Cetha ( Erwachsenenbildung) kommen und dort weiterstudieren, er hat doch sicher einen intelligenten Kopf und kann noch viel dazulernen.“ David ist sehr überrascht über diesen meinen Vorschlag. Er hatte wohl andere Kommentare erwartet, aber nicht diesen. Immerhin profitiert er ja voll und ganz von der jugendlichen Arbeitskraft seines Sohnes, dem er –in wessen Namen auch immer- den Zugang zur Bildung total verwehrt hat. Ich hatte diesen Gedanken aber schon lange geplant und nun hatte ich die Gelegenheit, mit David darüber zu sprechen, hier auf der Strasse , unterhalb der Kapelle, aus der die rythmischen Lieder klingen. In das Schweigen hinein frage ich Vicente, was er dazu meint und der strahlt über das ganze Gesicht. Er nickt zustimmend, aber bringt kein Wort über die Lippen. „David“, sage ich, „darüber reden wir noch ein anderes Mal, auf jedenfall vor dem nächsten Termin wo man sich fürs Studium in der Erwachsenenbildung einschreiben kann.“ Ich gebe beiden die Hände und darf nun Richtung Pfarrhaus gehen, erleichtert und froh, dass alles gut abgelaufen ist, aber auch besorgt darüber, was das Anwachsen der Freikirche für mich und mein Leben hier noch für Konsequenzen nach sich ziehen wird.